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Mittwoch, 22. Februar 2006
Theater um das Theater
varzil, 16:58h
Nicht nur wenn man in die Oper geht (z.B. Fidelio in Bonn), kann man was erleben.
Was danach geschah: der Arbeitsvertrag mit Herrn Lawinky wird einvernehmlich aufgehoben.
Und die Republik diskutiert, was da passiert ist: so gibt es Meinungen, dass man als Theaterbesucher bei einer Hartmann-Inszenierung mit so etwas rechnen müsse
Fazil:
Wer in das Theater geht, um sich einfach einen schönen Abend zu gönnen, muss nicht nur ordentlich bezahlen, sondern auch damit rechnen, beschimpft zu werden. Ein weiterer guter Grund, nur noch selten ins Theater zu gehen. Was ist eigentlich schlimm daran, wenn man die "reinen Stücke genießen will"?
Vielfach hält man Herrn Stadelmaier für überempfindlich - und wenn es stimmt, dass er tatsächlich in dem o.g. FAZ-Artikel 32 (in Worten: zweiunddreißig - Zählung von Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau) mal das Wort "ich", das ansonsten ein anständiger FAZ-Redakbenteurer sich wohl erst vom Herausgeberkollektiv genehmigen lassen muss, verwendet hat, hat das einiges an Plausibilität.
Während die meisten Beiträge sich mit der Sensibilität eines Kritikers ("Mann oder Memme") beschäftigen, interessiert sich die wenigsten für die Frage, ob mann und frau ins Theater gehen, um sich gegen Bezahlung beschimpfen zu lassen. ...
| Herr Stadelmaier von der FAZ hat etwas erlebt: | Links also die Sicht von Herrn Stadelmaier. Der Regisseur Herr Hartmann sieht das naturgemäß leicht anders: |
... Man spielt in der Frankfurter Schmidtstraße aber nicht Ionescos „Großes Massakerspiel”, sondern offenbar ein Anti-Stück mit dem ungefähren Arbeitstitel „Entgrenzung” oder auch „Aufhebung des Theaters” (Ionescos Erben und Rechte-Inhaber sollten sich das ruhig mal anschauen). Schauspieler erbrechen minutenlang Mineralwasser, einer Schwangeren wird das Fruchtwasser abgezapft und dieses dann geschlürft, wobei eine andere Frau zwei Männer, die „Ein Bier!” verlangt hatten, ausgiebig masturbiert und das Publikum gebeten wird, doch mit den Schauspielern mal rumzuwandern und hinter Wände zu horchen. Dieses Theater will nicht, daß man zuguckt und mitfühlt und sich eine Meinung oder gar eine Haltung bildet. Dieses Theater will auch keine Kritik. Es will, daß man mitmacht. ... Ich bin aber nicht im Theater, um mitzumachen. Ich gehöre nicht zum Theater. Ich gehöre zur Öffentlichkeit. Ich bin auch nicht fürs Theater da. Ich bin fürs Publikum da. Wer Kritiker attackiert und beleidigt und anpöbelt, attackiert und beleidigt, bepöbelt das Publikum: die Öffentlichkeit des Theaters. Denn als ich über den toten Schwan, den die Schwangere aus ihrem Fruchtwasser hervorpreßte, zu lächeln wagte, sagte der Schauspieler Thomas Lawinky zu einer Mitspielerin: „Der da” (und da deutete er auf mich) „hat gerade gelacht. Zeig dem mal das Kind.” Dann legten sie mir den toten Schwan in den Schoß, und Herr Lawinky forderte mich auf: „Schreiben Sie, daß das ein schönes Kind ist, schreiben Sie das. Sie sehen doch so klug aus.” Auf meine leise gemurmelte Replik: „Sie leider nicht”, riß er mir meinen Kritikerblock brutal aus der Hand, rannte auf die Spielfläche, hob meinen schönen Spiralblock wie eine Trophäe hoch und schrie: „Wollen mal sehen, was der Kerl geschrieben hat.” Er konnte aber meine Notizen nicht verstehen und gab mir den Block zurück mit den Worten: „Schreib weiter, Junge, der Abend wird noch furchtbar.” ... Als ich nach dieser Attacke auf meinen Körper und meine Freiheit, die nichts weniger als die Freiheit der Presse ist, den Saal verlassen wollte, rief er mir, wie gesagt, ... „Hau ab, du Arsch! Verpiß dich! Beifall für den Kritiker” nach. ..." (Quelle: Stadelmaier in faz.net) |
Es war so, dass wir in einer Halle an verschiedenen Orten spielten und das Publikum aufforderten, sich zu bewegen. Beim ersten Ortswechsel, wir hatten sehr helles Licht, blieb ein Kritiker demonstrativ sitzen. Wir wussten nicht, dass das Gerhard Stadelmaier von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist. Thomas Lawinky hat den Herrn freundlich aufgefordert - ich betone: freundlich, dafür gibt es Zeugen - mitzukommen. Daraufhin wedelte Herr Stadelmaier entsetzt mit dem Arm und rief: "Nicht anfassen! Nicht anfassen!" Lawinky ließ ihn in Ruhe. Später gähnte Herr Stadelmaier mehrfach. Und das nicht in einem Publikum von 1 400 Leuten, wo 25 Spots auf einen Guckkasten gerichtet sind und die Schauspieler das sowieso nicht mitbekommen, sondern in einer ausgeleuchteten Halle, während die Schauspieler teilweise auch im Publikum spielten. Dann ging Stadelmaier dazu über, seinem Kollegen gestisch seine Meinung über den Abend, der gerade erst angefangen hatte, mitzuteilen: Er wedelte scheibenwischerartig mit der Hand vor seinem Gesicht und signalisierte so dem Kollegen, aber eben auch den Schauspielern: Ich werde diesen Abend verreißen. Als eine Schauspielerin mit Tränen in den Augen ungefähr anderthalb Meter von Herrn Stadelmaier entfernt einen toten Vogel gebar, lachte der Kritiker höhnisch. Da sprach Lawinky ihn an. Und er sagte nicht: Wie blöd sind Sie denn?, sondern er blieb in seiner Rolle und sagte ungefähr: "Bitte schreiben Sie doch morgen in der Zeitung, was für ein schöner Junge hier auf die Welt kam. Bitte, schreiben Sie das, Sie sehen so intelligent aus." Als Herr Stadelmaier erwiderte: "Sie leider nicht!", nahm Lawinky dem Kritiker seinen Block weg. Das wird jetzt als krimineller Akt gewertet, als Angriff auf die Person, als Nötigung und - ganz sensibles Thema - als Angriff auf die Pressefreiheit. BZ: Nicht auch als Diebstahl? Herr Stadelmaier hat den Block einen Augenblick später unversehrt zurückbekommen. Lassen Sie uns einfach mal festhalten, dass es sich um eine Premiere handelte. Wir wollen Herrn Lawinky doch zugestehen, dass er aufgeregt ist. Er weiß, dass er ungefähr eine Viertelstunde später sein Glied entblößen wird. Lawinky sieht auf der einen Seite eine Kollegin, die voll im Spiel ist, weinen - und anderthalb Meter daneben einen Menschen, der zynisch lacht. Das ist ja fast Gottes Fügung, dass sich dieser Mensch auch noch als ein Herr Stadelmaier herausstellt. BZ: Herr Stadelmaier schreibt, dass er sich auf den Abend gefreut hat. Das ist albern. Man braucht nur eine Kritik von ihm über meine Arbeit zu lesen, um zu erkennen, dass ihm meine Arbeit grundsätzlich nicht zusagt. Er äußert das so deutlich, dass es eigentlich auch zum Thema "Beleidigung im öffentlichen Raum" gehört. Wir haben sehr unterschiedliche Auffassungen davon, was Theater soll und kann. Wenn er die reinen Stücke genießen will, soll er sie doch lesen. ... (Quelle: Berliner Zeitung) |
Was danach geschah: der Arbeitsvertrag mit Herrn Lawinky wird einvernehmlich aufgehoben.
Und die Republik diskutiert, was da passiert ist: so gibt es Meinungen, dass man als Theaterbesucher bei einer Hartmann-Inszenierung mit so etwas rechnen müsse
- "Wer in eine Inszenierung von Hartmann geht, der müsste wissen, worauf er sich einlässt"
(Schlingensiefen in der netzeitung)
Fazil:
Wer in das Theater geht, um sich einfach einen schönen Abend zu gönnen, muss nicht nur ordentlich bezahlen, sondern auch damit rechnen, beschimpft zu werden. Ein weiterer guter Grund, nur noch selten ins Theater zu gehen. Was ist eigentlich schlimm daran, wenn man die "reinen Stücke genießen will"?
- "Wenn er die reinen Stücke genießen will, soll er sie doch lesen. (Quelle: H. Hartmann in Berliner Zeitung)
- Solche Leute wie Dich wollen wir nicht im Theater sehen.
Vielfach hält man Herrn Stadelmaier für überempfindlich - und wenn es stimmt, dass er tatsächlich in dem o.g. FAZ-Artikel 32 (in Worten: zweiunddreißig - Zählung von Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau) mal das Wort "ich", das ansonsten ein anständiger FAZ-Redakbenteurer sich wohl erst vom Herausgeberkollektiv genehmigen lassen muss, verwendet hat, hat das einiges an Plausibilität.
Während die meisten Beiträge sich mit der Sensibilität eines Kritikers ("Mann oder Memme") beschäftigen, interessiert sich die wenigsten für die Frage, ob mann und frau ins Theater gehen, um sich gegen Bezahlung beschimpfen zu lassen. ...
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Montag, 20. Februar 2006
geschickter Gesandter: Muñoz Villalobos
varzil, 11:33h
Eines der Ergebnisse aus der internationalen Studie zum Thema "Schulvergleich in den Ländern" (PISA) war etwas peinlich für Deutschland:
Am Freitag war er im Sekretariat der Kultusministerkonferenz, jener Konferenz also, die für die Harmonisierung und Standardisierung der Schulsysteme der deutschen Länder verantwortlich ist.
Wobei, wer die Nachrichten durchsucht, findet, dass sie durchaus Zeit für ein Statement und ein Meeting hatten, nur eben nicht in der KMK in Bonn:
Die UN schickt einen Sonderbeauftragten:
Vielleicht kommt da sogar mehr bei 'rum, als wenn die Minister selbst gekommen wären...
- Kinder mit sozial schwierigem Hintergrund haben es im deutschen Schulsystem im internationalen Vergleich außerordentlich schwer, ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert und beurteilt zu werden.
Am Freitag war er im Sekretariat der Kultusministerkonferenz, jener Konferenz also, die für die Harmonisierung und Standardisierung der Schulsysteme der deutschen Länder verantwortlich ist.
- " ...Nach Schulbesuchen und Gesprächen mit Bildungspolitikern und -funktionären in Berlin, Potsdam und München war Muñoz am Freitag in Bonn zu Gast bei der Kultusministerkonferenz. Bei dem Treffen, an dem keiner der 16 Kultusminister der Länder teilnahm, ging es vor allem um die Bildungsreformen, die seit dem schlechten deutschen Abschneiden in der ersten internationalen Pisa-Studie von 2001 eingeleitet worden waren.
...
(Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 18.2.2006, S. 6 der Papierausgabe)
Wobei, wer die Nachrichten durchsucht, findet, dass sie durchaus Zeit für ein Statement und ein Meeting hatten, nur eben nicht in der KMK in Bonn:
- ...
Der Vizepräsident der Kultusministerkonferenz, Berlins Bildungssenator Klaus Böger (SPD), sagte nach einem Treffen mit Munoz, das Urteil eines außenstehenden Experten sei auf jeden Fall „hilfreich“ – „wir sind nicht Kritik-resistent“.
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Zuvor hatte auch die KMK-Präsidentin, Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD), gesagt, „wir müssen wir uns in Sachen Chancengleichheit und Förderung von Migrantenkindern noch mehr anstrengen“.
(Quelle: Handelsblatt online)
- " Lehrerverbandschef Kraus hält die UN für "größenwahnsinnig", wenn sie glaube, so die vielfältige Bildungslandschaft erfassen zu können.
Seine Gesprächspartner erleben Muñoz aber als einen gut vorbereiteten Fachmann, dem nicht nur die genauen Pisa-Ergebnisse, sondern auch völkerrechtliche Details präsent sind. "Der stellt keine Wischiwaschi-Fragen", erzählt eine Mitarbeiterin des Deutschen Instituts für Menschenrechte.
(Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 17.2.2006, Papierausgabe S. 4; online bei jetzt.de)
Die UN schickt einen Sonderbeauftragten:
- "Nach Botswana und Malawi besucht der Uno-Sonderberichterstatter für Bildung ein weiteres Problemland: Deutschland."
(Quelle: Per Hinrichs in spiegel online)
Vielleicht kommt da sogar mehr bei 'rum, als wenn die Minister selbst gekommen wären...
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Donnerstag, 16. Februar 2006
Großbritannien und die Daten(un)sicherheit
varzil, 19:29h
Offensichtlich scheint Microsoft bei Windows Vista Ernst zu machen. Zwar wohl nicht im Interesse der Käufer von Windows, aber doch im Interesse des Urheberrechtsschutzes wird eine Felstplattenvershclüsselung vorgesehen, die sich nicht ohne weiteres aushebeln lässt.
- "...Das britische Innenministerium führt derzeit Gespräche mit Microsoft über dessen kommendes Betriebssystem Windows Vista. Dabei geht es laut BBC News um Befürchtungen, für Vista vorgesehene Sicherheits- und Kopierschutzfunktionen könnten dafür sorgen, dass polizeiliche Ermittler Dateien auf Computern von Verdächtigen nicht lesen können, da sie verschlüsselt seien. ... Inhalt der Gespräche könnte laut Bericht sein, die Sicherheitstechniken umgehen lassen zu können. ..."
(Quelle: heise online)
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