Dienstag, 16. Mai 2006
Gedanken zu Eichendorffs "Winterlied"
Auch wenn es nicht gerade Winter ist, sondern ein wunderschöner Frühling. Dieser Text geht einem - wenn man ihn an sich heran lässt - nahe:
    Winterlied
    Mir träumt´, ich ruhte wieder
    vor meines Vaters Haus
    und schaute fröhlich nieder
    ins alte Tal hinaus.

    Die Luft mit lindem Spielen
    ging durch das Frühlingslaub,
    und Blütenflocken fielen
    mir über Brust und Haupt.

    Als ich erwacht, da schimmert
    der Mond vom Waldesrand,
    im falben Scheine flimmert
    um mich ein fremdes Land.

    Und wie ich ringsher sehe:
    Die Flocken waren Eis,
    die Gegend war vom Schnee,
    mein Haar vom Alter weiß.

    (Autor:Joseph von Eichendorff)
Eichendorff formuliert vier Sätze aus der Wahrnehmung eines nicht näher beschriebenen Ichs. Unter der Überschrift "Winterlied" träumt das Ich vom Frühling: linde Luft, Spiele, Frühlingslaub, Blütenflocken. Es ist eine vertraute Umgebung, nämlich das "alte" Tal vor dem Haus des Vaters. Zwei Sätze einer Frühlingsidylle. Danach ist sozusagen "Halbzeit".

Mit den fallenden Blütenflocken kippt die Stimmung, ähnlich wie beim Fußballspiel mit einem Tor noch knapp vor dem Halbzeitspfiff. Die "fallenden Blütenflocken" stehen natürlich für den Frühling, sind aber aber auch schon ein Signal, dass das Wachsen und Gedeihen unweigerlich zu Tod und Vergängnis führt. Rein optisch erinnern Kirschblütenblätter ganz zwanglos auch an Schneeflocken.

Winter und Tod beherrschen die zweite Hälfte des Gedichts. Das Ich erwacht aus dem Traum vom Frühling, es ist Nacht, der Mond schimmert im falben Schein. Soweit würde das zwar auch noch zur Frühlingsstimmung passen; aber dann nimmt das Ich in diesem unwirklichen Licht wahr, dass ihm das Land, was eben noch vor Vaters Haus ausgebreitet lag, ein "fremdes Land" ist. Schlagartig ist die Frühlingsstimmung verschwunden. Was wie Blütenflocken aussah, ist tatsächlich Eis, die Gegend, die in falbes Mondlicht getaucht ist, ist in Wirklichkeit verschneit.

Das verstörte Ich versucht eine Rückbesinnung auf sich selbst. Aber auch da ist nichts so, wie es war. Das Ich ist alt geworden, symbolisiert durch das weiße Haar.

Viel schrecklicher kann ein Traum nicht enden:
eben noch Frühling, ist es jetzt Winter. Sommer und Herbst finden nicht statt. Eben war es noch mildes Frühlingswetter, schon ist es Nacht und kalt - ein Übergangswetter gibt es nicht. Eben war man noch "jung", schon erwacht man und ist alt - es gibt keine Zeit des Erwachsen-Seins.

Fazit: Ein hammerharter Text zum Thema "carpe diem".

Der Text kennt keine bürgerliche Bedächtigkeit und Betulichkeit, vielmehr wird das romantisch vom Frühling träumende Ich plötzlich in den Winter versetzt. Die Welt ist nicht schön und vertraut, sondern kalt, hart und fremd. In dem Moment, in dem das Ich sich selbst wahrnimmt, ist das eigene Leben praktisch vorbei, verträumt sozusagen.

Eine harte Botschaft, an anderer Stelle etwas lakonischer formuliert:
    Der alte Musikant
    Es schüttelt die welken Blätter der Wald,
    mich friert, ich bin schon alt.
    Bald kommt der Winter und fällt der Schnee,
    bedeckt den Garten und mich und alles, alles Weh.

    (Autor:Joseph von Eichendorff)

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Mittwoch, 10. Mai 2006
Terrorbekämpfung auf ägyptisch
Nicht zum ersten Mal liest man folgendes:
    "Die ägyptische Polizei hat einen Mann erschossen, der als Anführer einer islamistischen Gruppe galt. Er wurde im Zusammenhang mit den Terroranschlägen in Dahab gesucht....
    Nach Angaben der Behörden stand Nasser Chamis al Mallahi an der Spitze der islamistischen Organisation Monotheismus und Dschihad. Der Mann wurde demnach während einer Schießerei mit Polizisten am Dienstagmorgen in El Arisch erschossen. ...

    (Quelle: netzeitung)
Nach den ersten Bombenanschlägen auf dem Sinai hatte die ägyptische Polizei nach einigen Monaten schon einmal so eine Meldung herausgegeben (mehr in Koriander vom 2.8.2005) ...

Noch nachdenklicher wird man, wenn man die Meldung in der Papierausgabe der Süddeutschen liest:
    Die ägyptische Polizei hat erklärt, sie habe den mutmaßlichen Drahtzieher der Terroranschläge von Dahab erschossen. Das verlautete am Dienstag aus Sicherheitskreisen in Kairo. Nasser Chamis al-Melahi sei bei einem Feuergefecht auf der Sinai-Halbinsel getötet worden. Die Polizei habe bei der Operation östlich von al-Arisch zudem einen Komplizen des Terroristen festgenommen. Damit wurden seit den Anschlägen vom 24. April, bei denen 19 Menschen starben, insgesamt sieben Verdächtige erschossen. Al-Melahi soll nach offizieller Darstellung eine Terrorgruppe namens Tawhid wa-Dschihad (göttliche Einheit und Heiliger Krieg) angeführt haben. Die Gruppe soll auch Beziehungen zu den Terroristen unterhalten haben, die 2004 und 2005 in den Sinai-Badeorten Taba und Scharm el-Scheich zahlreiche Touristen getötet hatten. Die ägyptische Polizei hatte anfangs erklärt, Beduinen seien die Bombenleger. Terrorexperten bezweifelten das.
    (Quelle: Süddeutsche zeitung vom 10.05.2006, S. 8)
Ob die ägyptische Polizei eigentlich weiß, dass man potenzielle Terroristenauch verhaften könnte, ohne sie direkt zu erschießen? Oder ob die deutsche Polizei-Ausbildung (erinnert sich jemand noch an den Tod von Wolfgang Grams in Bad Kleinen?) auch bis nach Ägypten ausgestrahlt hat?
Nachtrag vom 24.5.2006
Die Beduinen-Theorie wird nicht mehr vertreten:
    Kairo - Das Innenministerium in Kairo präsentierte heute Hintergründe zu den Anschlägen in den Sinai-Badeorten Dahab, Scharm el Scheich und Taba. Die Attentäter waren demnach ägyptische Islamisten - ohne Verbindungen zu internationalen Terrorgruppen. Ihr Ziel sei es gewesen, "die Stabilität des Staates zu gefährden, wobei sie behaupteten, dieser Staat sei auf Unglauben gegründet und seine Führer hätten sich mit den Feinden des Islam verbündet".

    Laut Ministerium hatten die drei Terroristen, die sich am 24. April in Dahab inmitten von Touristen in die Luft gesprengt hatten, Unterstützung von Extremisten im Gazastreifen erhalten. Militante Palästinenser hätten die drei Attentäter ausgebildet. Sie seien im Gazastreifen trainiert worden, erklärte das ägyptische Innenministerium.
    (Quelle: Spiegel online)

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DER KAFFEE II
Der KAFFEE war tatsächlich so, dass man nur drüber schweigen kann.

...

Das sei hiermit getan.

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Donnerstag, 4. Mai 2006
DER KAFFEE
Die Dinge werfen bekanntlich ihre Schatten voraus. So lässt die Perspektive einer anstehenden „Jugendherbergsübernachtung" alte Erinnerungen wieder wach werden, die unter einem Wust von Windel-Eimer-leeren, Bier- und Wasserkästen-ins-Auto-Schleppen, Klassenpflegschaftsabende oder Fußball-Premiere-Gucken schon unwiderbringlich verschüttet schienen.

Wer in seiner Jugend mal eine oder auch mehrere Wanderungen mit Übernachtungen in Jugendherbergen geplant hat, wird es bestätigen können:

Jugendherbergen
  • liegen nie da, wo man sie braucht
  • sind immer dann voll, wenn man vorher anrufen und reservieren will,
  • liegen immer möglichst weit von der nächsten Kneipe weg
  • liegen immer auf einem Berg, auch da, wo es keine gibt, wie in Holland in Bergen op Zee (oder wie auch immer das da heißt).
Zu den Jungen-Quartiere in Jugendherbergen muss man grundsätzlich einen Stock höher steigen als als zu den Mädchen-Quartieren. In der Selbstkocherküche gibt es nie Streichhölzer. Und die spannendsten Jungs und die schönsten Mädchen fahren eigentlich immer eine völlig andere Route, während man die Langweiler todsicher in der nächsten Jugendherberge wiedersieht.

Jugendherbergen haben übrigens nie Fahrradflickzeug, aber immer einen oder mehrere Zivis.

Und manchmal haben Jugendherbergen echtes Flair, wie z.B. in der schönen Grafschaft Connemara in Irland, wo es eine Jugendherberge mit einem „Gezeitenklo" gab: der Eimer zum Nachspülen ließ sich nur bei Flut füllen.

Der Freiburger Heidegger soll in eben jener Jugendherberge nicht unwesentliche Teile seines Seins durch einfaches Dasein sommerurlaubend zementiert und fundamentiert haben. Dem Autor fehlten an selbigem Ort hingegen Wesentliches: sein Klopapier, seine Streichhölzer und die Flut. Da war dann kein Sein mehr, als am nächsten Morgen Schafsköttel sich auch auf den Fahrradspeichen fanden.

Strom gab es übrigens auch nicht.

In Sachen „Flair" eigentlich unerlässlich sind natürlich auch die unzähligen Anekdoten zum Thema „Essen" und vor allem: „DER KAFFEE" in Jugendherbergen. Damit allein könnte man Bücher füllen, nicht nur Rundmails. Allerdings ist hier Sorgfalt angesagt. Schon seinerzeit war der routinierte Jugendherbergs-User, damals noch schnöder „Gast", daran zu erkennen, dass er über alles mögliche lästerte, aber nie, nie, nie über das Essen und mehr nie nie nie nie nie über "DENKAFFEE".
Und wer will sich schon als „Neuling"/"Newbie" outen. Deshalb die Goldene Regel aller Jugendherbergsroutiniers noch mal in goldener Klarheit:

Man kann über alles und jeden ablästern:
    über die Herbergseltern, die Toiletten, die Betten, die anderen Gäste, das gerade hier besonders beschissene Wetter, das schlechte Bier aus dem Getränkeautomaten, den wucherischen Wechselkurs für den Waschautomaten oder auch und meist zu Recht über die alles andere als diebstahlssichere Unterbringung von Fahrrädern.
ABER: kein Wort über das Essen, und erst recht: kein Mucks über „DEN KAFFEE".

An dieser Stelle kann der Autor nicht umhin, anzumerken, dass das Thema „Kaffee" sich infolge wohl einer schleichenden Qualitätsoffensive des Internationalen Jugendherbergsverbands zumindest in Kontinentaleuropa in den letzten Jahren von einem absoluten „don't even think about it" zu einem nur noch relativen Gesprächstabu abgebaut hat.
Vor allem lobende Erwähnungen wie „so schlecht ist der doch gar nicht" lassen sich als starke Tabubrecher einsetzen, zumal dann, wenn nicht Sekunden später die Ergänzung folgt: „aber weißt Du noch, DER KAFFEE in yyyy, da konnte man ja ... ".
Varzil merkt nur vorsichtig an, dass hoffentlich auch die übermorgen zu besuchende Jugendherberge trinkbaren Kaffee kredenzt. Da rechts geht's hin ...

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