Montag, 14. August 2006
Krass: Grass
1. Demnächst erscheint eine Autobiographie von Günther Grass "Beim Häuten der Zwiebel".
    Kommenar:
    Interessiert das außerhalb des Kreises der begeistert Biographien-Lesenden? Bei Amazon demnächst für 24 oder als limitierte Erstausgabe für 48 Euro zu haben! Coverbild gibt's dort noch nicht.
2. Günter Grass sagt (wieder mal) etwas: “Ich habe bislang verschwiegen, dass ich bei der Waffen-SS war”.
    "Es ist ein gewagtes Bekenntnis: Günter Grass bekennt sich zu den Schatten seiner Vergangenheit. In einer demnächst erscheinenden Autobiografie schreibt er über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS..."
    (Quelle: ähnlich eigentlich ganz viele, aber selten so deutlich wie hier im Stern-online)
Bemerkenswert, dass Grass dieses Bekenntnis bei Frank Schirrmacher (FAZ) macht.
    Kommenar:
    Zur Waffen-SS:
    Eingezogen zur Waffen-SS - na und? Das waren gegen 1945 etliche Hunderttausende andere auch, die meisten von denen sind jetzt wohl tot, und der Rest hält auch meist den Mund.

    Zur FAZ:
    Die hat sicher ein interessantes Feuilleton, und außerdem noch sicherer eine eher konservative Leserschaft, die sich gerne über dieses verspätetes Bekenntnis ereifert.
3. Konsequenz: Alle reden (wieder mal) über Grass.
    Kommenar:
    Warum eigentlich über Grass und nicht über seine Bücher? Sind die zu dick?
4. Der (a href="http://www.steidl.de/grass/">Steidl Verlagspart eine Werbekampagne für die Biografie.
    Kommenar:
    Wenigstens einer, dem das viele Gerede nutzt.
Nachtrag 18:55 Uhr
5. Grass redet schon wieder oder immer noch, diesmal in der Süddeutschen:
    [Statements zur Kritik an seiner Person:]
    "...Ich kann nur hoffen, dass einige Kommentatoren jetzt mein Buch genau lesen. ..."
    (Quelle: Süddeutsche online)
Dass Grass das hofft: echt krass, der Grass!

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Freitag, 11. August 2006
Terror und Chaos
London Heathrow, der größten Flughafen Europas mit einer Internet-Präsenz, hat derzeit eine Webseite mit gerade einmal 2 Seiten, reiner Text ohne jeden Schnickschnack - sozusagen eine Notseite:
    "the Heathrow Airport website is currently experiencing a high level of people visiting the site. .."
    (Quelle: www.heathrowairport.com/ vom 11.8.2006)
Kurzfristig wurden die Sicherheitsvorschriften so verschärft, dass quasi kein Handgepäck mehr angenommen wird.
    "Due to the heightened security at UK airports, all passengers will be subject to hand baggage restrictions. We ask anyone intending to fly today and over the weekend to arrive at the airport prepared. This means arriving with no hand luggage and bringing those items allowed into the cabin in a clear plastic bag - more information ...
    However, if you are travelling to the USA, you will be unable to carry any liquids or liquefied products onto the aircraft. This includes, for example, drinks, bottles of duty-free, perfumes, toothpaste, hair gel or other toiletries."
    (Quelle: www.heathrowairport.com/ vom 11.8.2006)
Dies hat zu abenteuerlichen Zuständen geführt (mehr z.B. bei der Süddeutschen online). Ursache sind die vereitelten Terror-Anschläge (s. BBC-online) und die Vermutung, dass Flüssigsprengstoff verwendet werden sollt. Flüssigkeiten aller Arten stehen daher auf dem Index:
    ...
    ... gerade Flüssigkeiten sind verdächtig, seitdem bekannt wurde, dass die mutmaßlichen Terroristen Flüssigsprengstoff verwenden wollten, der im Handgepäck an Bord geschmuggelt werden sollte.

    Reguläre Radarchecks von Handtaschen und Aktenkoffern jedoch erkennen diese Gefahr nicht, und deshalb darf von sofort an und wohl bis auf weiteres keine Flüssigkeit mehr mit in die Kabine genommen werden - nicht der Flacon mit dem teuren Duty-Free-Parfum, nicht die zollfreie Flasche Whisky und noch nicht einmal die Reinigungsflüssigkeit für die Kontaktlinsen. ...
    (Quelle:Süddeutsche online)
und eigentlich noch eindrucksvoller:
    "... An einem Ständer hängt die neueste Ausgabe des linken amerikanischen Intellektuellenmagazins The Atlantic. "We Win" steht auf dem Titel, und die Geschichte beschäftigt sich mit der These, dass der Westen den Kampf gegen den Terror gewonnen habe.

    Gerade die Sicherheitskontrollen für Flüge, so heißt es unter anderem, dienten eigentlich nur noch der Beruhigung der Passagiere; wirklich notwendig seien sie nicht mehr. Niemand in der Menschenschlange bleibt stehen, um das Heft zu kaufen. Wozu auch. Lesestoff ist auf dem Flug sowieso nicht erlaubt...."
    (Quelle:Süddeutsche online)
Und dann findet man bei "The Atlantic" auf der Webseite tatsächlich den Titel, allerdings ist der Artikel nur für Abonnenten lesbar - hier der Appetizer:
    The United States is succeeding in its struggle against terrorism. The time has come to declare the war on terror over, so that an even more effective military and diplomatic campaign can begin.
    (Quelle: Coverbild rechts und Zitat bei The atlantic)
Dem mag ja so sein: Bloß was ist das für ein Sieg, wenn man im Flugzeug nicht einmal mehr lesen darf?

Bei all den Terror-Nachrichten schaut man ja zuerst auf den eigenen Nabel: Selbiger fühlt sich zwar unwohl bei dem Vorstellung, eine längere Flugreise ohne Lesestoff antreten zu müssen. Er ist andererseits ausgesprochen erleichtert, dass die Kinder, die mit dem Flieger in Urlaub waren, schon seit Montag bzw. Dienstag wieder im Lande sind.

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Donnerstag, 10. August 2006
Der Nachbar im WEG
Es ist schon sprichwörtlich:
    "Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben,
    wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt."
    (Schiller: Wilhelm Tell 4 Aufzug, 3. Szene - Quelle: Gutenbergprojekt)
    Exkurs:
    Das ist übrigens die selbe Szene wie die, die mit den legendären Worten eingeleitet wird:
      "Durch diese hohle Gasse muss er kommen,
      Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht"

      (und mit den Worten
      "Das ist Tells Geschoss"
      auch den Tod des Landvogts mitteilt).
      (Schiller: Wilhelm Tell ebenda)
    Exkurs-Ende
Schiller schreibt dies im 19. Jahrhundert und beschreibt die mittelalterliche Schweiz. Ein Wohnungseigentumsgesetz (WEG) gab es damals noch nicht - auch die Väter des BGB waren dagegen, dass es Eigentum an Wohnungen geben könnte (vgl. §§ 93, 946 BGB).

Wenn es damals schon Wohnungseigentum gegeben hätte, würde es bei Schiller wohl anders lauten:
    "Ja, wohl dem, der seine Feld bestellt Wohnung hat in Ruh,
    Und ungekränkt daheim sitzt bei den Seinen."(Schiller, ebenda)
Seit 1951 gibt es aber Wohnungseigentumsrecht, und es ist ein Wunder, dass über die Wohnungseigentumsstreitgkeiten noch keine namhaften Dramen geschrieben wurden.

Schillers dieser Welt, wo seid ihr? Kennt ihr das Wohnungseigentumsgesetz nicht? Hier finden die neuen Dramen des Alltags statt,
  • ob eine Sauna ins Haus eingebaut,
  • das Dach saniert ("Dat hällt noch"),
  • ein im Herbst Laub werfender Laubbaum gefällt werden
  • oder ob die Hausordnung das Abstellen von Kinderwagen im Flur verbieten soll:
Das sind die Themen, die heute die Wohnungseigentümer bewegen, ähnlich wie damals Gesslers Hut die Schweizer zum Beugen des Hauptes veranlassen sollte.

Und da es offenbar keinen Schiller mehr gibt und Grass und Co. ebenso offensichtlich keine Einsicht in die Probleme der Wohnungseigentümer haben, hier der Vorschlag für die Blogosphäre:
    Stellt die Protokolle der Eigentümerversammlungen ins Netz,
    den einen zur Erbauung, den anderen zur Lehre und den übrigen als abschreckendes Beispiel!

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