Dienstag, 7. Juni 2005
Ungeschriebenes nacktes Recht
Dass es das in unseren Zeiten noch gibt: ungeschriebenes Recht! Man kennt es vor allem aus Jura-Vorlesungen zur "Rechtsquellenlehre" - in der Praxis begegnet es einem eher selten.

Aber es gibt es noch, wie hier z.B. beim Verbot des "Nackt-Radfahren"
    "...etwa zwölf Teilnehmer wollten ohne Bekleidung auf dem Rheindamm von Iffezheim bis zur Grenze des Landkreises Rastatt und wieder zurück radeln, um für die Nacktheit als "zweckdienliche und gesellschaftsfähige Kleidung und gegen das Verstecken von Körpern" einzutreten ...
durch das Verwaltungsgericht Karlsruhe:
    "...Das Nacktradeln widerspreche allgemein anerkannten Regeln der ungeschriebenen Gesellschaftsordnung, entschied ... das Verwaltungsgericht. Zwar sei heutzutage die Einstellung zum Nacktbaden an Stränden und in Schwimmbädern unbefangener und freier als früher. Es verletze jedoch immer noch das Schamgefühl des größten Teils der Bevölkerung, dort unfreiwillig unbekleideten Menschen zu begegnen, wo niemand völlige Nacktheit erwarte...." (Quelle Spiegel online)
Das mag so sein.

Das Schöne an ungeschriebenem Recht: es kann sich einfach durch Zeitablauf ändern. Wer weiß, ob Nacktheit in 30 Jahren immer noch das "Schamgeführ des größten Teils der Bevölkerung" verletzen kann.

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Montag, 6. Juni 2005
Aus- und eingeMERZt
'ne ganze Zeit lang war er weg, der Friedrich Merz.

Denn es hatte sich vor nicht langer Zeit "ausgemerzt", oder wie sollte man es sonst verstehen, dass er am 13.10.04 seinen Rücktritt aus dem CDU-Vorstand erklärt hat? (s. ZDF-Heute-Archiv)


Gestern beim Zappen entdeckt, dass er wieder da ist, und zwar sowohl im 1. bei Christiansen als auch bei Phoenix, N24 oder so, gleichzeitig wohlgemerkt. Und er hat - lt. Spiegel-online - tatsächlich einen bemerkenswerten Beitrag zur Politik gebracht, indem er feststellte, die Frage, wer Wirtschafts- und Finanzminister werde, sei von zentraler Bedeutung.
    "...Wenn der Parteivorsitzende der CSU das will, dann soll er das sagen. Darauf haben die Wählerinnen und Wähler in Deutschland einen Anspruch", sagte Merz." (Quelle:Spiegel-online)
Wenn Stoiber-Zanken alles ist, was er zu sagen, soll er doch lieber weg bleiben. Varzil jedenfalls hat sich Merz und Co. nicht angehört, sondern ist lieber bei "Dirty Harry II" geblieben. Da weiß man, was man hat.

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viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt
Matthäus 22, 2-14:
    Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu laden; doch sie wollten nicht kommen.
Soweit also alles klar? Der König lädt zum Fest ein, aber die Gäste wollen nicht kommen. Das kann schon 'mal vorkommen.

Nun eine wenig überraschende Wendung: Der König versteht sein Volk nicht: wie kann es seine Einladung ablehnen? Nicht dass er, der König, selbst etwas falsch gemacht haben könnte, er vermutet vielmehr, dass es an seinen Boten liegt. Er tauscht daher die Boten (man assoziiert spontan mit Fußballtrainern oder Finanzministern) aus und macht die Botschaft dringlich, nach dem Motto: "nun sind die Kartoffeln einmal da, nun werden sie auch gegessen!"
    Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet, und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie.
Das ist sicherlich nicht die feine Art der Gäste, mit den Boten des Königs umzugehen. Vor allem das "Töten" hat etwas Irreversibles, aber auch etwas Eindeutiges. Naheliegend ist allerdings, dass die Boten des Königs die "Einladung" ziemlich massiv vorgetragen haben. Schließlich hatte der König ja selbst schon vermutet, dass mit seinen Boten etwas nicht in Ordnung ist und diese ausgetauscht. Nach der Reaktion seiner Gäste möchte man vermuten, dass er eine schlechte Wahl getroffen hat. So nimmt das Unheil seinen Lauf:
    Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.
Der "zornige König", eine klassische Metapher. Während der zornige Achilles im Zelt schmollte, weil er seine holde Briseis nicht mehr hat, macht der König mit den Mördern kurzen Prozess. Und weil er schon einmal dabei ist, steckt er gleich die ganze Stadt an. Achilles hätte das nicht besser gekonnt. Eigentlich nennt man so etwas "Mordbrennerei". Kein Wunder, dass die Gäste die beiden Einladungen dankend abgelehnt haben.

Aber weiter im Geschehen. Nach dieser tragischen Katastrophe geht es ökonomisch-ökologisch sowie sozio-dynamisch sehr wertvoll weiter: Der König hat endlich verstanden, dass seine ursprünglich geladenen Gäste nicht kommen wollen. Er sagt sich, "die Gäste waren es nicht wert" und lädt Hinz und Kunz ein. Das ist ein bißchen kleinkindmäßig trotzig. Menschlich halt.
    Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren's nicht wert. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet. Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute; und die Tische wurden alle voll.
Das wesentliche Kriterium für ein gelungenes Hochzeitsfest: "und die Tische wurden alle voll". (Man erinnere sich: egal, ob gut oder böse!) Die Absage der Gäste wird immer verständlicher. Es kommt ja nur darauf an, die Tische zu füllen.

Aber damit nicht genug, es kommt noch härter:
    Da ging der König hinein, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm die Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und Zähneklappern sein. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.
Da liest man es ganz deutlich:
wer nicht ordentlich angezogen ist, fliegt raus, und zwar nicht nur aus der Nobel-Disco, sondern auch schon vor 2000 Jahren beim Hochzeitsmahl des Königs.

Warum die Gäste also nicht auf die Feier kommen wollten?
Das Risiko ist hoch, dass man entweder nach der falschen Reaktion auf die "Einladung" das Dach über dem Kopf angezündet bekommt, oder aber auch, dass man hochkant rausfliegt ("an Händen und Füßen gebunden hinaus in die Finsternis"), wenn man nicht angemessen angezogen ist.

Wie war das doch gleich am Anfang:
    "Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete."
Himmelreich? Nein danke! Man sympathisiert automatisch mit dem "Münchener im Himmel" von Karl Valentin.

Varzil glaubt eher an die menschliche Seite des Gottessohnes: Nach Matthäus war Jesus in dieser Phase, in der er das Gleichnis erzählte, einfach sauer, weil die Hohenpriester nicht auf ihn hören wollten.
Er marschiert abends wutentbrannt in die Wüste, kommt morgens hungrig zurück und reagiert schließlich seinen Ärger an einem Feigenbaum ab:
    Als er aber am Morgen wieder in die Stadt ging, hungerte ihn. Und er sah einen Feigenbaum an dem Wege, ging hin und afand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir niemals mehr Frucht! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich. (Matth. 21, 18-19)

Ob der was dafür kann, dass er nicht immer Früchte trug, wenn der "auserwählte Sohn, an dem ich meine Freude habe" (Jesus) vorbeikam?

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Wenn der Hirsch schreit
    "Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser,
    so schreit meine Seele, Gott, zu Dir"
Felix Mendelssohn hat Psalm 42 mit diesem Text vertont.

Da Hirsche selten schreien (Anm.: nämlich nur dann, wenn ihnen ihre Sexualhormone zu Kopfe steigen, dann schreien sie aber nicht nach Wasser, sondern nach paarungswilligen Hirschkühen), fragt sich der andächtige Gottesdienstbesucher in einer schwachen Minute, wie es sich denn dann mit dem Schrei der Seele verhält. Als gemäßigter rheinischer Katholik vermutet man ganz menschlich, dass die Seele von Felix Mendelssohn-Bartholdy wohl nicht so sehr nach Gott geschrieen haben wird, weil eben auch der Hirsch nicht nach frischem Wasser schreit.

In einer neueren Übersetzung "schreit" der Hirsch in Psalm 42 leider nicht mehr, sondern lechzt nur noch:
    Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser,
    so schreit meine Seele, Gott, zu dir.
Schade eigentlich - denn es hätte so schön sein können:
Psalm 42: der Psalm für die Lästermäuler.

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Freitag, 3. Juni 2005
Phish aus dem Spam-Ordner
Eben im Spam-Ordner gefunden - in runden Klammern hinzugefügt sind Kommentare, die beim ersten bis dritten Lesen einem aufstoßen.
    Postbank <support@postbank.de>
    An: (Adresse gelöscht)
    Datum: 03.06.2005 18:06
    Betreff: Warnung der (sic!) Banksicherheitsdienst hinsichtlich der Internet - Misstaeter

    Sehr geehrter Kunde!
    Wir sind erfreut, Ihnen mitzuteilen, dass Internet - Ueberweisungen ueber unsere Bank noch sicherer geworden sind!
    Leider wurde (sic!)von uns in der letzten Zeit, trotz der Anwendung von den TAN-Nummer(sic!), eine ganze Reihe der Mitteldiebstaehle (häh?) von den Konten unserer Kunden durch den Internetzugriff festgestellt.
    Zur Zeit kennen wir die Methodik nicht, die die Missetaeter fuer die Entwendung der Angaben aus den TAN - Listen verwenden ("Die verwendete Methodik für die Entwendung der Angaben aus den TAN-Listen." alles klar) Um die Missetaeter zu ermitteln und die Geldmittel von unseren Kunden unversehrt(!) zu erhalten, haben wir entschieden, aus den TAN - Tabellen von unseren Kunden zwei aufeinanderfolgenden Codes zu entfernen.(Tolle Idee, das hilft garantiert).
    Dafuer muessen Sie unsere Seite besuchen, wo Ihnen angeboten wird, eine spezielle Form (sic! Backform oder was?) auszufuellen. In dieser Form werden Sie ZWEI FOLGENDE (sic!) TAN - CODEs, DIE SIE NOCH NICHT VERWENDET HABEN, EINTASTEN. (sic!)

    Achtung! Verwenden Sie diese zwei Codes in der Zukunft nicht mehr!
    Wenn bei der Mittelueberweisung von Ihrem Konto gerade diese TAN - Nummer verwendet werden, so wird es fuer uns bedeuten, dass von Ihrem Konto eine nicht genehmigte Transitaktion (sic! Hallo, ist da noch jemand wach? eine TRANSIT-aktion? wo möglich ein West-Ost-Transit, oder?) ablaeuft und Ihr Konto wird unverzueglich bis zur Klaerung der Zahlungsumstaende gesperrt.

    Diese Massnahme dient Ihnen und Ihrem Geld zum Schutze! Wir bitten um Entschuldigung, wenn wir Ihnen die Unannehmlichkeiten bereitet haben.

    Mit freundlichen Gruessen,
    Bankverwaltung (Wieso eigentlich allen Mist immer auf die Verwaltung schieben!)
Fazit: Phisher beherrschen weder Umlaute noch Genetive, haben mit Logik nichts am Hut und schieben dann alles auf die Verwaltung.

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Rächtschrajbung
Die KMK,
    vulgo: "Kultusministerkonferenz",
    offiziell "Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland",
hat in Quedlinburg (!)
    "..Quedlinburg, gelegen an der Bode ist die Kreisstadt des Landkreises Quedlinburg am nördlichen Harzrand im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt. ... (aus Wikipedia)
genauer gesagt, hier
im Quedlinburger Stadtschloss-Hotel beschlossen:
    ...
    1. Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, wie sie sich aus der Amtlichen Regelung von 1996 in der Fassung von 2004 ergibt, ist die verbindliche Grundlage des Rechtschreibunterrichtes an allen Schulen.
    2. Am 31.07.2005 endet die Übergangsfrist und die damit verbundene Korrekturpraxis. Schreibweisen, die nicht der Neuregelung entsprechen, werden ab dem 01.08.2005 als Fehler nicht nur markiert, sondern auch bewertet. In den Bereichen, in denen der Rat seine Beratungen noch nicht abgeschlossen hat, jedoch Änderungsvorschläge zu erwarten sind, wird bei der Bewertung Toleranz geübt. Dies betrifft die Getrennt- und Zusammenschreibung, Worttrennung und Interpunktion. Für den Überschneidungsbereich von Getrennt- und Zusammenschreibung und Groß- und Kleinschreibung gilt diese Toleranzklausel ebenso.
    3. In Zweifelsfällen werden Wörterbücher zugrunde gelegt, die nach den Erklärungen des Verlages den aktuellen Stand der Regelung vollständig enthalten. In Österreich wird das Österreichische Wörterbuch zugrunde gelegt.
    4. Der aktuelle Stand des Regelwerks und des Wörterverzeichnisses ist im Internet (unter www.rechtschreibkommission.de) und im Buchhandel zugänglich.
    ...
Nun denn: Quedlinburg ist sicherlich ein nettes Städtchen. Und irgendwie hat der Beschluss auch etwas Beschauliches, so a lá "Schau'n wir mal, was der Rechtschreibrat da beschließt". Varzil besinnt sich auf anarcho-revolutionäre Wurzeln und befürwortet eine Rückkehr zu den Rechtschreibregeln von Konrad Duden (1880 oder so): Da müssten dann wenigstens alle gleichermaßen neu lernen...

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