Mittwoch, 17. August 2005
Wahlkosten
Es steht noch lange nicht fest, OB gewählt wird. Die Kosten hingegen stehen sehr wohl schon fest:
    ...Das Bundesfinanzministerium hat eine überplanmäßige Ausgabe bis zur Höhe von 49,8 Millionen Euro bewilligt, um die auf den 18. September vorgezogene Wahl zum Bundestag zu finanzieren ...
    (Quelle: Bundestag)
Das ist objektiv bei einem in die Hunderte von Milliarden gehenden Bundeshaushalt keine Haushaltskatastrophe, aber für unsereins doch eine ganze Menge Holz ...

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Kondomwiesen-Besucher - "Die brauchen wir nicht"
Inzwischen bestätigt sich der Eindruck: der Weltjugendtag ist einfach eine große tolle Party, mag der ÖPNV auch regelmäßig vor den Massen kapitulieren!
bonner hofgarten(Bild links: Bonner Hofgarten 16.8.05 im Bonner Generalanzeiger)

Egal: Super Stimmung, an jeder Ecke einfach frohes Jungvolk.
    ... Mit "Ben-e-detto"- und "Ole ole"-Rufen versuchen sich auf den Treppen vom Kölner Hauptbahnhof zum Dom eine Gruppe aus Mexiko in gelben "Benedikt 16"-Shirts und rund zwanzig Italiener gegenseitig zu übertreffen. Auf die Melodie von "We will rock you" stimmen mehrere Polen ihr "We love Benedikt" an. Das können sich die Mexikaner nicht bieten lassen und legen an Lautstärke noch ein bisschen zu....

    Auf der Domplatte ist die Tanzfläche eröffnet: Eine Gruppe italienischer Erzieher hüpft im Kreis und macht dabei lautstark Tiere nach. "Es ist phantastisch hier", erzählt Enrico Giovanni aus Rom, "eine einzige große Party." Selbst die Kölner steckt das Tanzfieber an: Helga Grau aus Bensberg macht spontan bei einem ausgelassenen Kreistanz mit. "Ich find' das toll." Wie sie bleiben viele Kölner stehen, gucken zu, wippen mit. Eine Gruppe aus Wuppertal hat sich bereits mit italienischen Pilgern verbündet und erteilt ihnen eine Lektion in kölschem Liedgut: Der Refrain des Karnevalsschlagers "Viva Colonia" klappt fast fehlerfrei.
    (Quelle: Spiegel online)
Im harten Kontrast dazu eine Meldung der TAZ von vorgestern:
    "... [Text zu Johannes Paul II. und dem letzten Weltjugendtag im Jahr 2000:] ... Der Menschenfischer nahm es offenbar gelassen hin, dass die jungen Pilgerinnen und Pilger nach dem Weltjugendtag in Rom im Jahr 2000 eine Wiese voll gebrauchter Kondome hinterließen.

    Auch liberalere Kardinäle kann dies nicht erregen. "Die Mädchen auf dem Petersplatz, die dem Papst zujubeln, haben die Pille in der Tasche. Das wissen wir schon lange", sagte der Bischof von Mainz, Karl Kardinal Lehmann, neulich. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz will sich offensichtlich nicht dauernd statt mit dem Evangelium mit Pillen und Kondomen beschäftigen - er betrachte diese Fragen der Sexualethik als "periphere Dinge", sagt er. Ganz anders Meisner, der bei diesen richtig heiß zu werden scheint. Zu fragen wäre an dieser Stelle, wen der anfangs zitierte Kardinal Meisner mit seiner Aussage eigentlich im Blick hatte, als er von der älteren Generation sprach, die ihren eigenen "verluderten Lebensstil" rechtfertigen wolle. Doch nicht etwa seinen Mainzer Mitbruder? Es geht hier auch um einen Machtkampf innerhalb des deutschen Katholizismus, welche Richtung obsiegt.

    Ratzinger jedenfalls fehlt wie Meisner jede Gelassenheit bei dem Thema - er soll im vertrauten Kreis angesichts der Kondomwiese des Weltjugendtages [vermutlich im Jahr 2000] gesagt haben: "Die brauchen wir nicht, diese Jugendlichen." Dennoch reist er nun nach Köln, um sich wie sein Vorgänger und Idol von genau solchen Jugendlichen feiern zu lassen...."
    (Quelle: taz)
Wenn die etwas weniger liberalen Kardinäle beim Weltjugendtag 2005 immer noch meinen, dass sie Jugendliche, die Kondome verwenden, "nicht brauchen", muss die Gegenfrage erlaubt sein:

Wer braucht eigentlich noch solche Kardinäle? Vielleicht ist es aber auch nur eine gezielte Desinformation der TAZ. Wo "wir" alle Papst sind, werden "wir" doch nicht mehr solchen Blödsinn sagen ...

Varzil rät den Jungs, ihre Gummis hinterher in den nächsten Mülleimer zu entsorgen.

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Dienstag, 16. August 2005
Religions-"freiheit" unter www.wjt.de
Inzwischen macht sich der Weltjugendtag auf der Hofgartenwiese lautstark bemerkbar - und das Wetter wird seit heute Mittag auch nur noch schöner.

Und wenn man (wie der Autor) wissen will, wer da gerade so Krach macht, und meint, man bräuchte nicht zu googeln, sondern erreichte den Weltjugendtag 2005Grafik Weltjugendtag (siehe Grafik links) einfach unter "www.wjt.de", ... Grafik Religionsfreie Zone


Denkste. Is' nich.

Man landet in einer "religionsfreien" Zone (siehe Grafik rechts):


Wohl wieder ein Fall von Domain-Grabbing, vermutet man und denkt an Atheisten oder Hacker. Aber weit gefehlt. Ein Weltjugend-Weblogger namens Stefan Domke, "bekennender Pfarrerssohn" (!), war nicht so vorurteilig und hat mit dem Domaininhaber telefoniert und das Ergebnis gebloggt:
    ... Ein Henrik meldet sich. "Ja, das ist meine Domain." "Und wo linken Sie hin?" frage ich [= Stefan Domke] vorsichtig.

    "Seit einigen Tagen auf die Aktion 'Religionsfreie Zone', vorher auf die Weltjugendtagshomepage", kommt in aller Seelnruhe die Antwort. Henrik [= www.wjt.de-Domain-Inhaber] klärt mich auf: Bereits 1999 hat sich der 22-Jährige die Web-Adresse mit den drei Buchstaben reservieren lassen. Eigentlich sei damit ein völlig anderes Projekt geplant gewesen, dafür hätten die Buchstaben w, j, und t stehen solle. Doch wie so vieles im Bereich Internetbusiness habe es sich zerschlagen, die Domain habe er aber dennoch behalten.

    Nachdem Henrik lange Zeit auf die offizielle Seite des WJT gelinkt hatte, sei er vor kurzem auf die "Religionsfreie Zone" aufmerksam geworden. "Und jetzt sind die halt mal dran, denn auch Gegenaktivitäten müssen in einer Demokratie Öffentlichkeit bekommen", findet der Angestellte. (Quelle:Weltjugendtag-Weblog)
Merke:
Nicht überall, wo man Stoiber böse Buben am Werk vermutet, sind die Buben tatsächlich böse.

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London: shoot to kill
Langsam wird das Geschehen klarer, aber nicht besser.
    [Das ist das, was die "westliche Welt" dem "Rest der Welt" wohl immer noch voraus hat: Irgendwann kommt es raus, was eigentlich passiert ist ...]
Der Brasiliander Jean Charles de Menezes wurde am 27.7. von Londoner Polizisten in Zivil in Stockwell Station erschossen. Die Polizei hatte ihn für einen Attentäter gehalten. "Shoot to kill" ist eine offenbar nicht umstrittene Praxis der britischen Polizei.
    [Das ist keine besondere britische Spezialität. Auch der deutsche Rechtsstaat leistet sich den Todesschuss ohne Urteil ("finaler Rettungsschuss" oder auch vgl. "wann darf man ein Flugzeug abschießen").]
Ungemütlich für alle U-Bahnfahrer und peinlich für die britische Polizei ist eine Zusammenstellung der Recherchen, die Spiegel online zititert.

Zunächst die offizielle Darstellung:
    " ... Die Ermittler hatten Menezes aus einem Mehrfamilienhaus kommen sehen, in dem sie mehrere Terroristen vermuteten. Man habe zuerst gehofft, der Verdächtige werde die Polizei zu seinen Hintermännern führen, doch an der Londoner Stockwell Station sei der Mann mit dem dunklen Teint plötzlich in die U-Bahn gerannt und habe ein Drehkreuz übersprungen. Unter der dicken Jacke des Mannes hätten die Polizeibeamten einen Sprengsatz vermutet, deswegen sei der mutmaßliche Selbstmordbomber ausgeschaltet worden, so lautete die offizielle Version der Londoner Polizei. (Quelle:Spiegel online)
Soweit alles gut nachvollziehbar, wenn auch zweifelhaft, was die grundsätzliche Frage angeht, ob man Menschen einfach so erschießen darf. Übel wird die Geschichte erst durch den Bericht von "The Observer", den der Spiegel zitiert:
    Nach Recherchen der britische Sonntagszeitung "The Observer" hat sich der Vorfall jedoch ganz anders zugetragen: Demzufolge bewegte sich der angeblich so verdächtige Brasilianer keineswegs in panischer Eile durch die U-Bahn und übersprang auch kein Drehkreuz, als wäre er auf der Flucht. Stattdessen habe Menezes ein normales Dauerticket benutzt, um die U-Bahn zu betreten. Augenzeugen hätten ihn vermutlich mit einem der Fahnder verwechselt, die dem jungen Mann zu diesem Zeitpunkt hinterhergelaufen seien.

    "In dem Moment, in dem Menezes die Station betrat, war sein Schicksal besiegelt", schreibt die Zeitung. Mitverantwortlich dafür seien die Beamten, die Menezes von seiner Wohnung bis zur U-Bahn verfolgt hätten. Anscheinend waren die Beschatter unbewaffnet. Als der mutmaßliche Terrorist die U-Bahnstation Stockwell betreten habe, hätten sie erst noch ein bewaffnetes Polizeiteam alarmieren müssen, das den vermeintlichen Attentäter stoppen sollte.

    Doch die herbeigerufenen Zivilbeamten stellten Menezes erst auf dem Bahnsteig. Aus Angst vor einer Explosion in der Menschenmenge hätten sie sich für den Todesschuss entschieden - ohne Rücksprache mit ihren Vorgesetzten, denn im Gegensatz zu den Funkgeräte der U-Bahn-Angestellten würden die der Anti-Terror-Fahnder unter der Erde nicht funktionieren, schreibt der "Observer".

    Entgegen ersten Darstellungen trug Menezes nach Informationen der Zeitung keine dicke Jacke, die ihn in der Sommerhitze verdächtig gemacht haben könnte. Stattdessen sei der als "Jim" bekannte Brasilianer mit einer gewöhnlichen "Denim"-Jacke bekleidet gewesen. Es habe weder eine Aufforderung der Beamten an Menezes gegeben, stehen zu bleiben, noch hätten sich die in Zivil gekleideten Fahnder ausreichend zu erkennen gegeben. Stattdessen sei nur gerufen worden: "Auf den Boden!" Augenzeugen zufolge habe der Brasilianer einen verwirrten Eindruck gemacht, bevor er überwältigt und erschossen worden sei. Menezes war erst zwei Wochen vor seinem Tod von einer Jugendbande angegriffen worden. (Quelle:Spiegel online)
Im Klartext: Menezes hat nichts anderes getan als Millionen von anderen U-Bahn-Fahrern auch: Er hat mit einem gültigen Ticket die U-Bahn benutzt. Keine Warnung, kein verdächtiges Weglaufen, keine verdächtige Kleidung, aber gehörigen Schiss vor Jugendbanden in der U-Bahn.

Er starb, weil er im selben Haus wohnte wie einige Terrorverdächtige auch und weil er dunklere Hautfarbe hatte.

Keinesfalls allerdings hat die Polizei aus dem Geschehen gelernt, dass man zukünftig vielleicht etwas zurückhaltender beim Schießen sein sollte. Im Gegenteil: In "The Observer" liest man als Stellungnahme des Chefs der Londoner Polizei vielmehr:
    ...
    ... the Metropolitan Police Commissioner, Sir Ian Blair, announced an expansion of his firearms unit to cope with the new terrorist threat.

    Despite the death of de Menezes and the charging of two firearms officers with murder in connection with the case of Harry Stanley, shot dead when officers believed the table leg he was carrying was a shotgun, Blair believes there will be no shortage of volunteers for firearms duty, insisting the officers feel 'very well supported' by the force.

    He insists the shoot-to-kill policy is the 'least worst' way of tackling suicide bombers and refuses to rule out other innocent people being shot in similar circumstances. 'I am not certain the tactic we have is the right tactic, but it is the best we have found so far.'... "(Quelle:The Observer)
Das erinnert einen an den Witz:
    Gehen ein Internist, ein Chirurg und ein Pathologe auf die Entenjagd. Kommen zwei Enten angeflogen. Sagt der Internist:
      "Also - ja - also - meine Herren Kollegen, wenn Sie keine Einwände haben, werde ich jetzt auf die - von mir aus gesehen - rechte Ente, das heißt, von der Ente aus gesehen, auf die linke Ente natürlich, einen Schuß abgeben - halt, jetzt sind die Enten über uns hinweg geflogen, dann muß ich den Schuß selbstverständlich auf die - von mir aus gesehen - linke Ente abgeben, das heißt nunmehr auch, die von der Ente aus gesehen linke Ente... Sie haben nichts dagegen einzuwenden, meine Herren Kollegen? Dann feuere ich den Schuß also jetzt ab."
    *PENG*
    Die Enten sind inzwischen längst wieder außer Schußweite, der Schuß des Internisten bleibt ohne Wirkung.
    Kommen wieder zwei Vögel angeflogen. Der
    Chirurg legt an und schießt: *PENG* *PENG* *PENG* *PENG* *PENG*.
    Dann wendet er sich zum
    Pathologen und sagt:
      "Geh doch mal und siehst nach, ob 'ne Ente dabei ist!"

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Montag, 15. August 2005
Weltjugendtag - "da ist die Hölle los"
Recht hatte sie, die den Autor darauf hinwies: Der Bonner Hofgarten ist zentraler Veranstaltungsort, eine Chorprobe dort macht heute wenig Sinn, wenn man auch durch geschlossene Fenster in 200 m Entfernung noch Brings mitsingen kann. Wer will schon gegen zig-tausend Watt "Halleluja" und "Superjeilezick" ansingen.

Varzil empfiehlt dem Autor, gerade eben ein halbes Jahrhundert alt geworden, doch ruhig ins Kino gehen möge, wenn der Weltjugendtag im Hofgarten schlammbadet abrockt.

"Sin City" z. B. wäre wohl das Richtige für den moralisch gefestigten älteren Herrn.

Update 16.8.:
Die Hölle sieht mitunter auch so aus:
es regnet kräftig, es ist dunkel, da spielen Brings und Co. "umsonst und draußen" sich 'nen Wolf, die Musik schallt überall hin - aber keiner ist da - (ok, "keiner" ist übertrieben. Es sind gerade mal ein paar Hunderte, die sich da in Regen und Dunkelheit verloren haben.)

"Sin City" ist wie bei Anke Gröner angekündigt, nämlich düster schillernd schön und bedrückend. Der Film passt irgendwie zu dieser als "Marienfeier" angekündigten regennassen dunklen Menschenleere.

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