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Montag, 25. September 2006
Das Kreuz mit dem Islam
varzil, 17:43h
Wer sich wundert, warum auch in Deutschland gewaltbereite Moslems heranwachsen, mag sich vor Augen führen, dass es an deutschen Schulen kaum islamischen Religionsunterricht gibt. Religionsunterricht für Moslems findet in den meisten Fällen noch außerhalb der Schule durch Lehrkräfte statt, die beispielsweise von Saudi-Arabien und der Türkei bezahlt sind, in aller Regel nur rudimentär Deutsch können und vermutlich "abendländische Kultur" für etwas sehr Verwerfliches halten. Ausnahmen bestätigen die Regel:
Und so bleibt zu hoffen, dass ein geordneter Religionsunterricht positiven Einfluss auf die Schüler hat. Denn auch hier wie schon anderswo gilt:
- "Die Zahl der am Islamischen Religionsunterricht (IRU) teilnehmenden Schüler hat sich von 3200 im Schuljahr 2003/04 auf ca. 4400 Schüler erhöht. Die Erhöhung hat fand nicht nur durch die Ausweitung des IRU´s von 29 auf 37Schulen statt. Auch in den Schulen, an denen im vergangen Schuljahr IRU stattfand, ist ein Anstieg der Schülerzahlen zu registrieren...."
(Quelle: Islamische Föderation in Berlin)
Und so bleibt zu hoffen, dass ein geordneter Religionsunterricht positiven Einfluss auf die Schüler hat. Denn auch hier wie schon anderswo gilt:
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Freitag, 22. September 2006
Passion in Knechtsteden
varzil, 14:01h
Passionen sind Leidenschaften und so etwas wie die Farben im Leben. So kann man sich leidenschaftlich für Musik begeistern, beispielsweise auch für die "Johannes-Passion" von Johann Sebastian Bach. Muss man aber nicht. Eine Leidenschaft zur Musik im Rheinland verbindet man jedenfalls nicht unmittelbar mit Bachs Passionen, sondern eher mit einer Leidenschaft zu Schumann oder Beethoven.
Einer Leidenschaft zur ländlichen, fast niederrheinischen Gegend gaben sich Prämonstratenser-Mönche im 12. Jahrhundert hin, als sie in der Nähe eines Fronhofs draußen vor den Toren von Köln und Neuss ein Kloster mit einer romanischen Basilika gründeten.
Das Kloster hießt dann ziemlich bald "Knechtsteden", weil es an der Stätte erbaut war, an der Knechte und Mägde ihre Frondienste (Fremdarbeit) zu leisten hatten, jedenfalls wenn man den Spiritanern, die heute das Kloster betreiben, glauben mag:
Zurück zur Passion in der Rheinprovinz:
In den ehrwürdigen Gemäuern finden seit 1992 "Festliche Tage alter Musik" statt. Initiator der Festlichen Tage ist Hermann Max, u.a. Leiter der Rheinischen Kantorei. Das ist ein kleiner, aber feiner Chor, der sich weit über die Grenzen der Rheinprovinz hinaus einen Namen in der Alte-Musik-Szene gemacht hat.
Gestern Abend wurde dort in Knechtsteden die "Johannes-Passion" von Johann Sebastian Bach aufgeführt und der Haussender im Rheinland (WDR) sponsorte das Ganze, wegen einer Rundfunkaufnahme.
Was haben die Besucher der Festlichen Tage in Knechtsteden aber nun gestern gehört? Zunächst einmal hörten die meisten Zuhörer sicherlich etwas anderes als die WDR-Mikrofone.
Der Klassiksender des WDR (“WDR 3, das Kulturereignis”) wird das wohl zu angemessener Zeit landesweit ausstrahlen, im Zweifel in der Fastenzeit oder der Karwoche. Nun aber zum Höreindruck:
Romanische Kirchen haben einen immensen Raumklang oder Nachhall oder Überakustik, wie auch immer man das beschreiben mag, was eine solche Kirche ausfüllt, wenn man ein Geräusch in ihr macht. Im Endeffekt zerfließt jede mehrstimmige, schnelle Musik zu einem Klangbrei. Wer die dargebotene Musik kennt, wird (nach kurzer Zeit) aus dem allgemeinen Gewaber die neuen Töne heraushören - wer die Musik nicht kennt, erlebt die grandiose Musik in einer eher psychodelisch interessanten Form: Klänge der vorvorletzten Modulation stehen im Raum und mischen sich mit den neu hinzukommenden aktuellen Harmonien zu ungeahnten Effekten.
Auch der WDR scheint das Problem zu kennen und positioniert die Mikrofone dicht bei den Aufführenden.
Und daher war es kein Wunder, dass die langbeinige und in Sachen klassischer Musik unerfahrene Konzertbegleitung den Autor gestern nach dem Ersten Teil fragte:
"In welcher Sprache singen die eigentlich?"
Dies sei hier nur erwähnt, um die Auswirkungen des Klangbreis auf einen unerfahrenen Zuhörer zu beschreiben.
Natürlich sang man deutsch. Wie zu erwarten brachte dann schon der Eingangschor "Herr unser Herrscher" eine auch für den Autor neuartige Klangerfahrung: Man sah, dass der Chor um deutliche Artikulation und Diktion bemüht war, aber man hörte es nicht - allenfalls das "sch" im "Herrscher" und "Z" sowie "s" in "Zeig uns durch deine Passion" waren wahrnehmbar.
Da half es auch nur wenig, dass in den Chorälen ungefähr zehn Knaben des Kölner Domchors den Sopran verstärkten.
Hermann Max (Bild rechts bei www.rheinischekantorei.de) wäre aber nicht Hermann Max, wenn er einfach nur eine weitere Johannes-Passion aufgeführt hätte. Der studierte Musiker, Musikwissenschaftler und Archäologe (zum Lebenslauf) grub Unterlagen Robert Schumanns über eine Aufführung der Johannes-Passion von J. S. Bach aus. Und als Festspielinitiator hat er nun eben diese Johannes-Passion in der Robert-Schumann-Fassung zu Gehör gebracht. Zugehört haben etwa 500 Zuhörer und die Mikrofone des WDR.
In dem großen Klangraum einer romanischen Basilika haben Schumanns Skizzen dann wohl das ihre dazu getan, dass der Klangbrei um weitere Klangfarben bereichert wurde.
Am auffälligsten war sicherlich das Hammerklavier als Continuo. Normaler Weise übernimmt ein Cembalo oder ein Orgel-Positiv den Continuo-Part. Zumindest ein Cembalo hätte in einer so halligen Akustik mit dem Anreiß-Klang der Saiten eine schlagzeugartig geordnete Struktur in die Summe der Klänge bringen können. Ein Hammerflügel bringt in die Klangsumme hingegen weniger ein Anschlaggeräusch ein als eine weitere, wenn auch durchaus angenehme Klangfarbe. Die Musik wird dadurch allerdings nicht besser durchhörbar. Immerhin weicht das Klangbild von dem, was der Klassik-Hörer kennt, doch so merklich ab, dass man zunächst konzentrierter hinhört.
Eine weitere ungewohnte Klangfarbe gab es an der Stelle "Der Held aus Juda siegt mit Macht". Es waren nur ein paar Trompetentöne, die Bach aber sicherlich nicht vorgesehen hatte. Schon so, wie Bach die Alt-Arie “Es ist vollbracht” instrumentiert hat, lässt die Passage den Zuhörer stutzen und aufmerken. In der Schumann-Version mit den Trompeten untermalt wirkt die Szene “Der Held aus Juda...” wie ein Slapstick-Gag - nötig hat die Musik diesen Effekt eigentlich nicht: Im Gegenteil bringt es in den eigentlich todtraurigen Kontext eine seltsam deplatzierte, aufdringliche Fröhlichkeit.
Das hält die Johannes-Passion zwar aus, lässt den Zuhörer allerdings etwas leiden.
Die eigentlichen Leiden des Zuhörers, das Kreuz mit der Passion, haben ihren Grund allerdings in der Jahreszeit. Sicherlich ist es angenehm, die barock-romantische Passionsgeschichte bei sommerlich wohltemperierten Bedingungen zu hören anstatt in einer winterlich ausgekühlten Kirche, in der die Luft mühsam auf spartanische 16 - 18 Grad kurzfristig aufgeheizt wurde. Auch muss man sich nicht in dicke Jacken einmummeln. Alles eigentlich angenehme Rahmenbedingungen, wenn man davon absieht, dass dicke Winterkleidung die Überakustik vermutlich besser gedämpft hätte. Nein, an der Temperatur liegt es nicht. Das Kreuz mit der Passion, sozusagen des Pudels Kern, beginnt anderswo: Eine Johannespassion im September, das ist wie Pflaumenkuchen im Dezember: lecker, passt aber nicht zu Weihnachten.
Zu dieser Art von Passion des Zuhörens gehört dann auch ein Erlebnis gegen Ende des Ersten Teils: Jesus ist gefangen genommen und von den Hohenpriestern verhört worden. Der Erste Teil der Passion schließt mit einem Choral, der mit den nicht gerade welterschütternden, aber doch bemerkenswerten Worten endet:
Vielleicht hat aber ein Teil des Publikums auch die Hoffnung, es sei schon vorbei. ...
Das lässt Schlimmes für den Schluss befürchten. Und in der Tat, das Publikum klatscht erst vereinzelt, dann kollektiv begeistert in das Ausklingen des Schlusschorals hinein. Jeder Ansatz von Nachdenklichkeit ist im Nu hinweggeklatscht, ganz zu schweigen von so altertümelnden Regungen wie "Andacht" oder "Demut" angesichts der Grausamkeit und Unfassbarkeit des Geschehens, aber auch angesichts der Genialität, wie das grausige Geschehen in Musik umgesetzt ist.
Einigermaßen verstört verlässt man dann möglichst bald die Stätte der Aufführung einer Passion. Im Autoradio läuft "Purple Haze" von Jimi Hendrix - das passt zwar nicht zu Bach, aber bringt den passioniert leidenden Zuhörer einer Johannes-Passion auf andere Gedanken.
Dinge, die nicht zu einander passen:
Einer Leidenschaft zur ländlichen, fast niederrheinischen Gegend gaben sich Prämonstratenser-Mönche im 12. Jahrhundert hin, als sie in der Nähe eines Fronhofs draußen vor den Toren von Köln und Neuss ein Kloster mit einer romanischen Basilika gründeten.
- "...Bereits neun Jahre nach der Gründung von Prémontré begannen die Reformer in Knechtsteden mit dem Bau des Stiftes, welches sie neben dem dortigen Frohnhof - auch Knechtstätte bzw. im Volksmund "Kniestede" genannt - errichteten...."
(Quelle: www.spiritaner.de, Bild bei www.erzbistum-koeln.de")
Zurück zur Passion in der Rheinprovinz:
In den ehrwürdigen Gemäuern finden seit 1992 "Festliche Tage alter Musik" statt. Initiator der Festlichen Tage ist Hermann Max, u.a. Leiter der Rheinischen Kantorei. Das ist ein kleiner, aber feiner Chor, der sich weit über die Grenzen der Rheinprovinz hinaus einen Namen in der Alte-Musik-Szene gemacht hat.
Gestern Abend wurde dort in Knechtsteden die "Johannes-Passion" von Johann Sebastian Bach aufgeführt und der Haussender im Rheinland (WDR) sponsorte das Ganze, wegen einer Rundfunkaufnahme.
Was haben die Besucher der Festlichen Tage in Knechtsteden aber nun gestern gehört? Zunächst einmal hörten die meisten Zuhörer sicherlich etwas anderes als die WDR-Mikrofone.
Der Klassiksender des WDR (“WDR 3, das Kulturereignis”) wird das wohl zu angemessener Zeit landesweit ausstrahlen, im Zweifel in der Fastenzeit oder der Karwoche. Nun aber zum Höreindruck:Romanische Kirchen haben einen immensen Raumklang oder Nachhall oder Überakustik, wie auch immer man das beschreiben mag, was eine solche Kirche ausfüllt, wenn man ein Geräusch in ihr macht. Im Endeffekt zerfließt jede mehrstimmige, schnelle Musik zu einem Klangbrei. Wer die dargebotene Musik kennt, wird (nach kurzer Zeit) aus dem allgemeinen Gewaber die neuen Töne heraushören - wer die Musik nicht kennt, erlebt die grandiose Musik in einer eher psychodelisch interessanten Form: Klänge der vorvorletzten Modulation stehen im Raum und mischen sich mit den neu hinzukommenden aktuellen Harmonien zu ungeahnten Effekten.
- Exkurs:
In eine romanische Kirche muss mit diesem Effekt rechnen. Durch die Überakustik entsteht bei gregorianischer (grundsätzlich einstimmiger) Musik eine künstliche Mehrstimmigkeit, unvermeidlich, wenn ein einzelner Ton mehr als 10 Sekunden nachhallt. Vermutlich sind romanische Kirchen auch im Hinblick auf diese damals zeitgenössische Musik gebaut worden - der Effekt ist also kein Zufallsergebnis, sondern - vermutlich - beabsichtigt.
Auch der WDR scheint das Problem zu kennen und positioniert die Mikrofone dicht bei den Aufführenden.
- Fortsetzung des Exkurses:
Musik der Renaissance wie zum Beispiel von Palästrina oder di Lasso ist für diese Kirchen und ihre akustischen Eigenarten komponiert: Orlando di Lassos a-cappella-Musik zum Beispiel funktioniert also in alten Gemäuern hervorragend; der “Klangbrei” ist wohlschmeckend. Für spätere Komponisten trifft das nur noch mit Einschränkungen zu.
Und daher war es kein Wunder, dass die langbeinige und in Sachen klassischer Musik unerfahrene Konzertbegleitung den Autor gestern nach dem Ersten Teil fragte:
"In welcher Sprache singen die eigentlich?"
Dies sei hier nur erwähnt, um die Auswirkungen des Klangbreis auf einen unerfahrenen Zuhörer zu beschreiben.
Natürlich sang man deutsch. Wie zu erwarten brachte dann schon der Eingangschor "Herr unser Herrscher" eine auch für den Autor neuartige Klangerfahrung: Man sah, dass der Chor um deutliche Artikulation und Diktion bemüht war, aber man hörte es nicht - allenfalls das "sch" im "Herrscher" und "Z" sowie "s" in "Zeig uns durch deine Passion" waren wahrnehmbar.
Da half es auch nur wenig, dass in den Chorälen ungefähr zehn Knaben des Kölner Domchors den Sopran verstärkten.
Hermann Max (Bild rechts bei www.rheinischekantorei.de) wäre aber nicht Hermann Max, wenn er einfach nur eine weitere Johannes-Passion aufgeführt hätte. Der studierte Musiker, Musikwissenschaftler und Archäologe (zum Lebenslauf) grub Unterlagen Robert Schumanns über eine Aufführung der Johannes-Passion von J. S. Bach aus. Und als Festspielinitiator hat er nun eben diese Johannes-Passion in der Robert-Schumann-Fassung zu Gehör gebracht. Zugehört haben etwa 500 Zuhörer und die Mikrofone des WDR. In dem großen Klangraum einer romanischen Basilika haben Schumanns Skizzen dann wohl das ihre dazu getan, dass der Klangbrei um weitere Klangfarben bereichert wurde.
Am auffälligsten war sicherlich das Hammerklavier als Continuo. Normaler Weise übernimmt ein Cembalo oder ein Orgel-Positiv den Continuo-Part. Zumindest ein Cembalo hätte in einer so halligen Akustik mit dem Anreiß-Klang der Saiten eine schlagzeugartig geordnete Struktur in die Summe der Klänge bringen können. Ein Hammerflügel bringt in die Klangsumme hingegen weniger ein Anschlaggeräusch ein als eine weitere, wenn auch durchaus angenehme Klangfarbe. Die Musik wird dadurch allerdings nicht besser durchhörbar. Immerhin weicht das Klangbild von dem, was der Klassik-Hörer kennt, doch so merklich ab, dass man zunächst konzentrierter hinhört.
Eine weitere ungewohnte Klangfarbe gab es an der Stelle "Der Held aus Juda siegt mit Macht". Es waren nur ein paar Trompetentöne, die Bach aber sicherlich nicht vorgesehen hatte. Schon so, wie Bach die Alt-Arie “Es ist vollbracht” instrumentiert hat, lässt die Passage den Zuhörer stutzen und aufmerken. In der Schumann-Version mit den Trompeten untermalt wirkt die Szene “Der Held aus Juda...” wie ein Slapstick-Gag - nötig hat die Musik diesen Effekt eigentlich nicht: Im Gegenteil bringt es in den eigentlich todtraurigen Kontext eine seltsam deplatzierte, aufdringliche Fröhlichkeit.
Das hält die Johannes-Passion zwar aus, lässt den Zuhörer allerdings etwas leiden.
Die eigentlichen Leiden des Zuhörers, das Kreuz mit der Passion, haben ihren Grund allerdings in der Jahreszeit. Sicherlich ist es angenehm, die barock-romantische Passionsgeschichte bei sommerlich wohltemperierten Bedingungen zu hören anstatt in einer winterlich ausgekühlten Kirche, in der die Luft mühsam auf spartanische 16 - 18 Grad kurzfristig aufgeheizt wurde. Auch muss man sich nicht in dicke Jacken einmummeln. Alles eigentlich angenehme Rahmenbedingungen, wenn man davon absieht, dass dicke Winterkleidung die Überakustik vermutlich besser gedämpft hätte. Nein, an der Temperatur liegt es nicht. Das Kreuz mit der Passion, sozusagen des Pudels Kern, beginnt anderswo: Eine Johannespassion im September, das ist wie Pflaumenkuchen im Dezember: lecker, passt aber nicht zu Weihnachten.
Zu dieser Art von Passion des Zuhörens gehört dann auch ein Erlebnis gegen Ende des Ersten Teils: Jesus ist gefangen genommen und von den Hohenpriestern verhört worden. Der Erste Teil der Passion schließt mit einem Choral, der mit den nicht gerade welterschütternden, aber doch bemerkenswerten Worten endet:
- "... Wenn ich Böses hab getan,
Rühre mein Gewissen!"
Vielleicht hat aber ein Teil des Publikums auch die Hoffnung, es sei schon vorbei. ...
Das lässt Schlimmes für den Schluss befürchten. Und in der Tat, das Publikum klatscht erst vereinzelt, dann kollektiv begeistert in das Ausklingen des Schlusschorals hinein. Jeder Ansatz von Nachdenklichkeit ist im Nu hinweggeklatscht, ganz zu schweigen von so altertümelnden Regungen wie "Andacht" oder "Demut" angesichts der Grausamkeit und Unfassbarkeit des Geschehens, aber auch angesichts der Genialität, wie das grausige Geschehen in Musik umgesetzt ist.
- Exkurs:
Der Streit darüber, ob man nach einer Passions-Musik klatschen sollte, ist wohl so alt wie die Praxis konzertanter Passions-Aufführungen überhaupt. Grundsätzlich und prinzipiell erscheint es einfach unpassend, nach einer solchen Marter- und Horror-Geschichte, noch dazu ohne Happy-End, in laute Beifallsbekundungen auszubrechen. Punkt.
Andererseits erfordert die Johannespassion den Aufführenden einiges im Hinblick auf die künstlerische Darbietung ab: Evangelist, Chor, Orchester, aber auch die anderen Solisten haben einen zum Teil sehr anstrengenden und nie anspruchslosen Part zu absolvieren. Und wenn sie das derart bravourös wie gestern beispielsweise der Alt (Gerhild Romberger) oder auch der Chor (Rheinische Kantorei) tun, dann verdient das die Anerkennung durch das Publikum. Noch einen Punkt.
Fazit: eigentlich keines; soll jeder doch für sich entscheiden, was er für angebracht hält; in einigen Aufführungen wird im Programm sogar ausdrücklich Applaus zugelassen oder um Ruhe gebeten.
Einigermaßen verstört verlässt man dann möglichst bald die Stätte der Aufführung einer Passion. Im Autoradio läuft "Purple Haze" von Jimi Hendrix - das passt zwar nicht zu Bach, aber bringt den passioniert leidenden Zuhörer einer Johannes-Passion auf andere Gedanken.
Dinge, die nicht zu einander passen:
- Schumann und Bach-Passion
- barocke Passionsmusik in romanischen Kirchen
- Szenenapplaus in einer Passion
- überhaupt: Applaus zu Horrorgeschichten
- last no least der Preis: ca. 28 Euro + Spritkosten für ein akustisches Waterloo passen definitiv nicht zu einander.
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Donnerstag, 21. September 2006
Eine Antwort auf Benedikt
varzil, 12:03h
Bei all dem Getöse, das die Moslems nach der Regensburger Vorlesung von Benedikt XVI. veranstaltet haben, ist die von Benedikt eigentlich nur zitierte Frage, die die Moslems so auf die Palme brachte, bislang unbeantwortet geblieben:
Drei Artikel stehen auf der ersten Seite des Feuilletons zum Thema "Islam":
Die abendländische Kultur wäre ohne die arabische (islamisch geprägte) Hochkultur des 8. bis 14. Jahrhunderts nicht denkbar gewesen.
Ohne die arabische Hochkultur des Mittelalters
- "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten">
(Quelle: Benedikt XVI. in der Regensburger Vorlesung vom 12.09.2006, online bei Bayerischer Rundfunk)
Drei Artikel stehen auf der ersten Seite des Feuilletons zum Thema "Islam":
- Thomas HILDEBRANDT in "Wissend und weise / Ist der Gott des Islam allmächtig oder der Rationalität unterworfen?"
- "...Die umstrittenen Passagen hierzu aus dem Regensburger Vortrag Papst Benedikts XVI. führen auf ein komplexes theologisches und koranwissenschaftliches Gebiet. Und sie sind durchaus problematisch.
Das beginnt mit der Wahl des Gewährsmannes. Der von Benedikt genannte Ibn Hazm, ein muslimischer Gelehrter aus dem Spanien des 11. Jahrhunderts, kann kaum als repräsentativer Vertreter der islamischen Theologie gelten.
...
Der Begriff Tradition (naql) ist im islamischen Denken der klassische Gegenbegriff zur Vernunft ('aql), und er meint die genannten autoritativen Texte. In der Frage, wie naql und 'aql miteinander in Beziehung zu setzen sind, gibt es im Islam eine breite Palette von Antworten. Die Zahiriya gehörte hier zu den Richtungen, die der Vernunft am wenigsten zutrauten. Worum es ging, war die Frage, ob der Mensch die Werte allein durch Vernunftgebrauch erkennen kann oder ob sie durch die Offenbarung in die Welt kommen: Nannte Gott die Lüge schlecht, weil sie in sich schlecht war, oder war sie das, weil Gott sie so nannte? Kann sich der Mensch in seinen Werturteilen also auf den Verstand verlassen, oder braucht er die Vorgaben Gottes?
Ibn Hazm entschied sich hier für die Tradition, nicht weil er Gott für unvernünftig hielt, sondern weil er dem Menschen misstraute. Er sah, dass der Mensch vor allem seinen Interessen und Begierden unterworfen war und es dabei doch immer wieder fertig brachte, seine Taten als vernünftig und moralisch gerechtfertigt hinzustellen. Dieses pessimistische Menschenbild veranlasste Ibn Hazm dazu, die Offenbarung als alleinigen Maßstab in moralischen Fragen zu begreifen. ...
" - KATAJUN AMIRPUR in "Denken als Gottesdienst / Der iranische Theologe Sorusch wirbt für Glaubensreformen"
- "...
Zwei Argumenten seiner muslimischen Kritiker kann sich der Papst jedoch nur schwer entziehen: dass es ihm gut zu Gesicht gestanden hätte, auch die Verbrechen der Kirche zu thematisieren. Und vor allem: dass er das Christentum über die anderen Religionen erhebt und unterstellt, die Vernunft nehme den ihr gebührenden Platz nur in der christlichen Religion ein. Damit stößt er auch jene vor den Kopf, die nicht seine Adressaten sind: diejenigen Muslime, die für jede Diskussion über die "Krankheit des Islam" - wie sie selber den Zustand des Islam benennen - offen sind. Auch jemand wie Abdolkarim Sorusch, schiitischer Theologe und einer der bedeutendsten Reformdenker der islamischen Welt, hört vermutlich ungern, dass seine Religion - gemessen an Vernunftkriterien - Unheil gebracht haben soll.
..."
Dass Benedikt die "Überlegenheit" der christlichen katholischen Kirche in Glaubensdingen vertritt, kann man ihm als oberster Vertreter dieser Institution eigentlich nicht vorwerfen. Eine solche Position macht den Dialog allerdings nur schwieriger. - Petra STEINBERGER in "Brüder im Geiste / Die Islamische Reformbewegung als Reaktion auf den Westen"
- ...Doch während die Gruppe der liberalen Reformer in der Bildung, in der Öffnung zum Westen und in einer intellektuellen Neubesinnung die Heilmittel für das Unglück ihrer Welt suchten, suchte eine andere Gruppe die Lösung in der Vergangenheit. Die islamische Welt habe sich zu weit entfernt vom wahren Glauben, von der richtigen, der wörtlichen Auslegung des Koran, wie es angeblich praktiziert worden sei in den ersten, den Goldenen Jahren....
Auch dies eine interessante Überlegung: Traditionalismus als Reform. Bleibt zu hoffen, dass die liberalten Reformer in der Reformbewegung sich auf Dauer durchsetzen.
(Quelle: Papierausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 21.09.2006, S. 11)
Die abendländische Kultur wäre ohne die arabische (islamisch geprägte) Hochkultur des 8. bis 14. Jahrhunderts nicht denkbar gewesen.
Ohne die arabische Hochkultur des Mittelalters
- wären z.B. die griechischen Philosophen wie Platon und Aristoteles wohl kaum noch im Bewusstsein geblieben
- hätte es z. B. in der Medizin, die in der europäischen Kultur jahrhundertlang kaum über die Quacksalberei hinaus ging, keine fast neuzeitlich anmutenden Standards gegeben,
- die Welt heute kein brauchbares Zahlensystem ("arabische Ziffern")
- wäre fraglich, ob Kolumbus sich auch ohne die Vorarbeiten arabischer Kartographen auf den Weg nach Westen gemacht hätte.
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