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Mittwoch, 28. März 2007
Eishai und Bildungslücke
varzil, 19:06h
Konkret:
Jahrzehnte lang konnten selbst wohlgebildete Biologen und Biologinnen davon ausgehen, dass beispielsweise der "Eishai" ein friedvoller Aasfresser sei. Dementsprechend hat Wikipedia diesem Eishai den ebenso friedvollen lateinischen Namen "somniosus microcephalus" zuordnet.
Wie gesagt - Jahrzehnte lang herrschte Ruhe unter dem Eis, wenn da nicht gerade Orcas oder ähnliche Tiere unterwegs waren.
Seit einigen Jahren ist es jedoch aus mit dem beruhigenden Wissen um die Zustände unter dem Eis. Wissen wird zu Alt-Wissen.
Biologie kann ja so dramatisch sein:
Eishaie galten bislang als plumpe, träge Aasfresser, die weder Forscher noch Dokumentarfilmer interessierten. Doch das Image der Raubfische ändert sich rapide: Mit Peilsendern versehene Exemplare erwiesen sich als gefährliche Jäger.Nach dieser Grisham-würdigen Eröffnung greift die Biologie, immerhin eine Natur-Wissenschaft, wieder zu handfesten Methoden und zählt
Sollten Ringelrobben Albträume haben, könnten sie etwa so aussehen: Es ist Herbst, die Eisdecke auf dem nördlichen Polarmeer wird immer dicker, die Atemlöcher müssen ständig freigehalten werden. Man kratzt mit den Vorderpfoten an den Rändern und muss dabei vor Eisbären auf der Hut sein. Aber im Wasser ist es sicher. Unter dem Eis herrscht Ruhe, hier kann man sich ausruhen, schwebend im Lichtschein des Atemlochs.
Doch dann schleicht etwas Dunkles aus den finsteren Tiefen heran. Es hat keine Eile, es kennt seine Chancen genau. Es ist ein fünf Meter langer Eishai. Das Raubtier hat sein Opfer anhand von Kratzgeräuschen, Duftstoffen und Wasserbewegungen gefunden. Die Robbe schwimmt zwar schneller als der bullige Knorpelfisch, doch ab jetzt kann sich der Meeressäuger keinen Moment mehr sicher fühlen. Der Hai lauert in der Nähe des Atemlochs auf ihn, tagein, tagaus. Jede Sekunde Unachtsamkeit kann tödlich sein. ...
(Quelle: Spiegel online)
"... Vor kurzem noch galten diese bis zu siebeneinhalb Meter langen Tiere als träge, stupide Riesen, die am Boden des arktischen Meeres herumlungern und sich zu einem wesentlichen Teil von Aas ernähren.So kann mühsam anstudiertes Wissen veralten. Ähnliches passiert gelegentlich auch in der Juristerei. Immer wieder macht der Gesetzgeber mit einer (oft minimalen) Gesetzesänderung ganze Jura-Büchereien zu Makulatur.
Inzwischen jedoch ändert sich das Bild rapide. Der Eishai entpuppt sich als höchst anpassungsfähiger Jäger mit komplexen Verhaltensmustern. Neue Studien haben faszinierende Details offenbart. Der kürzlich verstorbene japanische Ichthyologe Kazunari Yano vom Nationalen Fischereiforschungsinstitut Seikai hat mit Kollegen im "Journal of Fish Biology" (Ausg. 70 (2007): S. 374-390) ausführliche Daten über Verbreitung, Ernährung und geschlechtliche Entwicklung des Eishais veröffentlicht. Die Forscher untersuchten auch Exemplare nah verwandter Arten aus dem Nordpazifik und dem südlichen Polarmeer.
Yano analysierte unter anderem die Mageninhalte von 39 an der Westküste Grönlands gefangenen Eishaien. Das Ergebnis spricht klar gegen die bisherige Aasfressertheorie. "Zu viele Haie haben Robben im Magen, als dass sie sie als Kadaver hätten auflesen können", meint Yanos Kollege John Stevens. Auf dem Speiseplan der untersuchten Eishaie standen die Robben nach Fisch an zweiter Stelle.
....
Erkenntnisse über Wachstum und Lebensdauer von Eishaien sind dagegen nahezu nicht vorhanden. "Es gibt keine Methode, um ihr Alter festzustellen", sagt George Benz. Im Knorpelskelett bilden sich keine Ringstrukturen, die sich lesen ließen. Bei der Geburt - Eishai-Eier entwickeln sich im Mutterleib - messen die Tiere nur 40 Zentimeter. Die Geschlechtsreife erreichen männliche Eishaie laut Yanos Untersuchungen bei einer Länge von drei Metern. Fortpflanzungsfähige Weibchen sind sogar mehr als vier Meter lang.
In Grönland markierten dänische Forscher Mitte des vergangenen Jahrhunderts einen 2,62 Meter langen Eishai und ließen ihn wieder frei. 16 Jahre später wurde der Fisch wieder gefangen. Er war in der Zwischenzeit nur acht Zentimeter gewachsen. Demnach wären große Exemplare theoretisch Jahrhunderte alt....
(Quelle: Spiegel online)
Das kann einem mit Bildungslücken nicht passieren. Denn das "Nicht-Wissen" veraltet nicht. Sokrates ("Ich weiß, dass ich nicht weiß.") bleibt daher hochaktuell. Richtig übel sind allerdings die durch "Alt-Wissen" getarnten Bildungslücken.
Das Sammeln von Bildungslücken ist daher deutlich zukunftssicherer als das Anstudieren von Wissen mit fraglicher Halbwertszeit.
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Dienstag, 27. März 2007
Posthorn ./. DHL
varzil, 14:17h
Nun aber wird alles anders:
"Am Bonner Post-Tower, der Zentrale der Deutschen Post, ist am Samstag eines der beiden traditionellen Posthorn- Logos abmontiert worden. Es wird demnächst durch ein DHL-Logo ersetzt. Der Konzern will damit einer stärkeren globalen Ausrichtung auch optisch Rechnung tragen. Die Tochter DHL sei das internationale Aushängeschild der Post und als Marke auch im Konzern dominant. So hatte die Post den Schritt bereits im Vorfeld begründet.
Bisher gab es zwei weithin sichtbare gelb-schwarze Posthorn-Logos am 162,5 Meter hohen Post-Tower, der auch das höchste Bürogebäude in Nordrhein-Westfalen ist. Das Posthorn an der Südseite soll bleiben. An der Nordseite werden in den nächsten Wochen die roten DHL- Buchstaben montiert. Die Umgestaltung bedeutet laut Post aber nicht das Ende des alten Posthorns: Für den Briefdienst in Deutschland wird es Bestand haben.
(Quelle: Finanznachrichten.de vom 11.3.2007)
Noch sieht das Logo etwas unfertig aus - das Bild links machte der Autor gestern (26.3.2007) gegen 18 Uhr. Unklar ist - ganz nebenbei -, was das neue DHL-Logo der Post einem eigentlich sagen will.
"DHL Worldwide Express wurde 1969 von den Jurastudenten Adrian Dalsey, Larry Hillblom und Robert Lynn gegründet, aus deren Anfangsbuchstaben der Nachnamen sich der Firmenname zusammensetzt.DHL steht also für "Dalsey, Hillblom und Lynn". Aha.
(Quelle: Wikipedia zu DHL)
Das Posthorn ("Hier kommt die Post") ist da zumindest für den Kontinentaleuropäer etwas aussagekräftiger.
Varzil fasziniert auch das Tempo, 16 Tage nach der Ankündigung: Da eine Schnecke ein Durchschnittstempo von 0,8 cm pro Sekunde hat, kommt die Schnecke nach 162,5 m (=16.250 cm) in 20.312,5 Sekunden resp. 5,64 Stunden oben auf der Turmspitze an. Die gute alte Schneckenpost ...
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Montag, 26. März 2007
Das dreifaltige "et cetera"
varzil, 17:21h
Während das "goldene Kronenkreuz" der Diakonie in der Auferstehungskirche in Düsseldorf-Oberkassel darauf wartet, an eine 86-jährige verliehen zu werden, entdeckt der heterokonfessionelle Christ im evangelischen Gottesdienstbuch (EGB) wieder einmal eine kleine Perle von religiösem Wischi-Waschi.Bevor man allerdings sich selbigem widmet, sei doch ein kleiner Hinweis auf ein unwesentliches Detail angebracht: die Uhrzeit auf der Kirchturmuhr mit 9:05 Uhr ist richtig, gerade mal 6 Stunden nach der Umstellung auf die Sommerzeit!
Nun aber zurück ins EGB und das 16. Jahrhundert:
"...ARTIKEL 3: VOM SOHN GOTTES"usw"!
Ebenso wird gelehrt, daß Gott, der Sohn, Mensch geworden ist, ..., ebenso daß dieser Christus hinabgestiegen ist zur Hölle (Unterwelt), ...; daß dieser Herr Christus am Ende öffentlich kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten usw. ...
"
(Quelle: Art. 3 Augsburger Bekenntnis, zitiert bei confessio.de)
Das steht da tatsächlich so:
"...die Lebenden und die Toten usw. ..."!
Was soll das denn heißen: "...und so weiter"? Sollen etwa auch die Untoten oder die nascituri gerichtet werden? Die Verfasser des "Augsburger Bekenntnisses", u.a. auch Melanchthon, hatten schon damals (1530) das Bedürfnis,
Wer meint, dass das nur eine neumodische Verkürzung ist, kann sich hier eines Besseren belehren lassen:
"Item, dass derselbe Herr Christus endlich wird oeffentlich kommen, zu richten die Lebendigen und die Toten usw., laut des Symboli Apostolorum. ...Was mögen Melanchthon und Co. mit "usw." abgekürzt haben, fragt man sich da unwillkürlich. Der zitierte Text "zu richten ...." erinnert an das apostolische Glaubensbekenntnis. Dieses schließt den Abschnitt "Credo ... et in Iesum Christum" mit "venturus est iudicare vivos et mortuos" ab, also damit, dass Christus kommen werde, "zu richten die Lebenden und die Toten".
(Quelle: Original-Neuhoch-Deutsche Fassung aus dem Project Wittenberg)
Danach kommt ein Absatz. Es geht mitnichten "und so weiter". Vielmehr wendet sich das Glaubensbekenntnis danach dem Heiligen Geist zu. Ob dieser Teil der sancta trinitas aber mit "usw." gemeint ist?
"Credo in unum Deum ...
Et in Iesum Christum,
... et cetera "
klingt jedenfalls nicht sehr andächtig, sondern mehr nach Gerhard Schröders "Ministerin für Frauen und Gedöns".Et in Iesum Christum,
... et cetera "
Was man nicht alles so vor sich hin denken kann, wenn einem die Predigt zu langweilig wird und man in dem Evangelischen Gebets- und Gesangbuch blättert.
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