Mittwoch, 10. Mai 2006
Terrorbekämpfung auf ägyptisch
Nicht zum ersten Mal liest man folgendes:
    "Die ägyptische Polizei hat einen Mann erschossen, der als Anführer einer islamistischen Gruppe galt. Er wurde im Zusammenhang mit den Terroranschlägen in Dahab gesucht....
    Nach Angaben der Behörden stand Nasser Chamis al Mallahi an der Spitze der islamistischen Organisation Monotheismus und Dschihad. Der Mann wurde demnach während einer Schießerei mit Polizisten am Dienstagmorgen in El Arisch erschossen. ...

    (Quelle: netzeitung)
Nach den ersten Bombenanschlägen auf dem Sinai hatte die ägyptische Polizei nach einigen Monaten schon einmal so eine Meldung herausgegeben (mehr in Koriander vom 2.8.2005) ...

Noch nachdenklicher wird man, wenn man die Meldung in der Papierausgabe der Süddeutschen liest:
    Die ägyptische Polizei hat erklärt, sie habe den mutmaßlichen Drahtzieher der Terroranschläge von Dahab erschossen. Das verlautete am Dienstag aus Sicherheitskreisen in Kairo. Nasser Chamis al-Melahi sei bei einem Feuergefecht auf der Sinai-Halbinsel getötet worden. Die Polizei habe bei der Operation östlich von al-Arisch zudem einen Komplizen des Terroristen festgenommen. Damit wurden seit den Anschlägen vom 24. April, bei denen 19 Menschen starben, insgesamt sieben Verdächtige erschossen. Al-Melahi soll nach offizieller Darstellung eine Terrorgruppe namens Tawhid wa-Dschihad (göttliche Einheit und Heiliger Krieg) angeführt haben. Die Gruppe soll auch Beziehungen zu den Terroristen unterhalten haben, die 2004 und 2005 in den Sinai-Badeorten Taba und Scharm el-Scheich zahlreiche Touristen getötet hatten. Die ägyptische Polizei hatte anfangs erklärt, Beduinen seien die Bombenleger. Terrorexperten bezweifelten das.
    (Quelle: Süddeutsche zeitung vom 10.05.2006, S. 8)
Ob die ägyptische Polizei eigentlich weiß, dass man potenzielle Terroristenauch verhaften könnte, ohne sie direkt zu erschießen? Oder ob die deutsche Polizei-Ausbildung (erinnert sich jemand noch an den Tod von Wolfgang Grams in Bad Kleinen?) auch bis nach Ägypten ausgestrahlt hat?
Nachtrag vom 24.5.2006
Die Beduinen-Theorie wird nicht mehr vertreten:
    Kairo - Das Innenministerium in Kairo präsentierte heute Hintergründe zu den Anschlägen in den Sinai-Badeorten Dahab, Scharm el Scheich und Taba. Die Attentäter waren demnach ägyptische Islamisten - ohne Verbindungen zu internationalen Terrorgruppen. Ihr Ziel sei es gewesen, "die Stabilität des Staates zu gefährden, wobei sie behaupteten, dieser Staat sei auf Unglauben gegründet und seine Führer hätten sich mit den Feinden des Islam verbündet".

    Laut Ministerium hatten die drei Terroristen, die sich am 24. April in Dahab inmitten von Touristen in die Luft gesprengt hatten, Unterstützung von Extremisten im Gazastreifen erhalten. Militante Palästinenser hätten die drei Attentäter ausgebildet. Sie seien im Gazastreifen trainiert worden, erklärte das ägyptische Innenministerium.
    (Quelle: Spiegel online)

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DER KAFFEE II
Der KAFFEE war tatsächlich so, dass man nur drüber schweigen kann.

...

Das sei hiermit getan.

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Donnerstag, 4. Mai 2006
DER KAFFEE
Die Dinge werfen bekanntlich ihre Schatten voraus. So lässt die Perspektive einer anstehenden „Jugendherbergsübernachtung" alte Erinnerungen wieder wach werden, die unter einem Wust von Windel-Eimer-leeren, Bier- und Wasserkästen-ins-Auto-Schleppen, Klassenpflegschaftsabende oder Fußball-Premiere-Gucken schon unwiderbringlich verschüttet schienen.

Wer in seiner Jugend mal eine oder auch mehrere Wanderungen mit Übernachtungen in Jugendherbergen geplant hat, wird es bestätigen können:

Jugendherbergen
  • liegen nie da, wo man sie braucht
  • sind immer dann voll, wenn man vorher anrufen und reservieren will,
  • liegen immer möglichst weit von der nächsten Kneipe weg
  • liegen immer auf einem Berg, auch da, wo es keine gibt, wie in Holland in Bergen op Zee (oder wie auch immer das da heißt).
Zu den Jungen-Quartiere in Jugendherbergen muss man grundsätzlich einen Stock höher steigen als als zu den Mädchen-Quartieren. In der Selbstkocherküche gibt es nie Streichhölzer. Und die spannendsten Jungs und die schönsten Mädchen fahren eigentlich immer eine völlig andere Route, während man die Langweiler todsicher in der nächsten Jugendherberge wiedersieht.

Jugendherbergen haben übrigens nie Fahrradflickzeug, aber immer einen oder mehrere Zivis.

Und manchmal haben Jugendherbergen echtes Flair, wie z.B. in der schönen Grafschaft Connemara in Irland, wo es eine Jugendherberge mit einem „Gezeitenklo" gab: der Eimer zum Nachspülen ließ sich nur bei Flut füllen.

Der Freiburger Heidegger soll in eben jener Jugendherberge nicht unwesentliche Teile seines Seins durch einfaches Dasein sommerurlaubend zementiert und fundamentiert haben. Dem Autor fehlten an selbigem Ort hingegen Wesentliches: sein Klopapier, seine Streichhölzer und die Flut. Da war dann kein Sein mehr, als am nächsten Morgen Schafsköttel sich auch auf den Fahrradspeichen fanden.

Strom gab es übrigens auch nicht.

In Sachen „Flair" eigentlich unerlässlich sind natürlich auch die unzähligen Anekdoten zum Thema „Essen" und vor allem: „DER KAFFEE" in Jugendherbergen. Damit allein könnte man Bücher füllen, nicht nur Rundmails. Allerdings ist hier Sorgfalt angesagt. Schon seinerzeit war der routinierte Jugendherbergs-User, damals noch schnöder „Gast", daran zu erkennen, dass er über alles mögliche lästerte, aber nie, nie, nie über das Essen und mehr nie nie nie nie nie über "DENKAFFEE".
Und wer will sich schon als „Neuling"/"Newbie" outen. Deshalb die Goldene Regel aller Jugendherbergsroutiniers noch mal in goldener Klarheit:

Man kann über alles und jeden ablästern:
    über die Herbergseltern, die Toiletten, die Betten, die anderen Gäste, das gerade hier besonders beschissene Wetter, das schlechte Bier aus dem Getränkeautomaten, den wucherischen Wechselkurs für den Waschautomaten oder auch und meist zu Recht über die alles andere als diebstahlssichere Unterbringung von Fahrrädern.
ABER: kein Wort über das Essen, und erst recht: kein Mucks über „DEN KAFFEE".

An dieser Stelle kann der Autor nicht umhin, anzumerken, dass das Thema „Kaffee" sich infolge wohl einer schleichenden Qualitätsoffensive des Internationalen Jugendherbergsverbands zumindest in Kontinentaleuropa in den letzten Jahren von einem absoluten „don't even think about it" zu einem nur noch relativen Gesprächstabu abgebaut hat.
Vor allem lobende Erwähnungen wie „so schlecht ist der doch gar nicht" lassen sich als starke Tabubrecher einsetzen, zumal dann, wenn nicht Sekunden später die Ergänzung folgt: „aber weißt Du noch, DER KAFFEE in yyyy, da konnte man ja ... ".
Varzil merkt nur vorsichtig an, dass hoffentlich auch die übermorgen zu besuchende Jugendherberge trinkbaren Kaffee kredenzt. Da rechts geht's hin ...

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Dienstag, 2. Mai 2006
Orpheus - ein "Unhappy End"
"Orpheus in der Unterwelt" bzw. "Orpheus und Eurydike" ist ein tragischer antiker Stoff, zumindest von Alters her.

Orpheus ist Sohn des Apolls, oder aber auch Sohn des Thrakerkönigs ... Vor allem ist er begnadeter Sänger, und wie so oft hat der Erfolg viele Väter.

Sodann war er mit der Nymphe Eurydike zusammen - heiß verliebt und glücklich, bis sie plötzlich und unerwartet an einem Schlangenbiß starb. Sie konnte allerdings in dem Moment nicht auf Schlangen achten, weil sie vor dem Göttersohn Aristeus, der ihr nachstellte, weglief.

Orpheus konnte sich mit dem jähen Tod seiner Geliebten nicht abfinden. Mit seinem schauderschönen Gesang hat er wohl seine Umwelt so sehr genervt/bezirzt/betört, dass die Götter ihm erlaubten, sich in die Unterwelt zu begeben, um dort mit Persephone über eine Rückkehr von Eurydike zu verhandeln.

Angerührt von seinem schönen Gesang klappt das auch, allerdings nur unter der Bedingung, dass Orpheus sich Eurydike erst in der Oberwelt wieder zuwendet. (Wundervolle und in sich durchaus widersprüchliche Details gibt es dazu in der Wikipedia auf Deutsch und auf Englisch)

Dummerweise hat Eurydike von dem Deal keine Ahnung. Anstatt einfach und brav ihrem Geliebten zu vertrauen - der sie schließlich von den Toten auferweckt hat und aus der Unterwelt entführen will - macht sie die Dinge kompliziert: da Orpheus sie nicht anschauen und nicht mit ihr reden will - er darf ja nicht -, zweifelt sie an seiner Liebe. Sie will lieber sterben als ungeliebt ins Leben zurück.

Das ist zwar in sich schlüssig, hat aber katastrophale Folgen. Orpheus sieht sich so unter Druck gesetzt, dass er sich ihr zuwendet. Konsequenz: Eurydike stirbt ein zweites Mal.

In der Antike geht es tragisch weiter: Orpheus verzweifelt, die Götter sind stur, Orpheus wendet sich der Päderastie zu und wird Vegetarier, Monotheist und ist wohl auch sonst verhaltensauffällig. Jedenfalls reißen ihn einige Mänaden, Dionysos-Anhängerinnen, in Stücke, nachdem das Steinigen und Schlagen mit Stöcken nicht geklappt hat, weil die Steine und die Stöcke dem schönen Gesang von Orpheus lieber zuhören wollten.
Das Bild von Dürer zeigt Orpheus' Tod und stammt aus Wikipedia.

In der Oper "Orphee" von Christoph Willibald Gluck nimmt die Geschichte ein anderes Ende: die Götter erkennen die tiefe Liebe zwischen Orpheus und Eurydike als Grund für eine zweite Wiederauferstehung an. Orpheus und Eurydike leben glücklich bis an ihr Ende weiter.

In der Aufführung der Bonner Oper hatte "Orphee" am Sonntag, den 30.4.2006 Premiere. (Das Szenenbild links stammt vom
Bonner Generalanzeiger und zeigt "Trauer um die verstorbene Gattin": L`Amour (Sigrùn Palmadóttir), Euridice (Julia Kamenik) und Orpheus (Susanne Blattert).
Erstaunlicherweise nimmt Inszenierung der französischen Fassung von 1774 erneut eine tragische Wende: Orpheus hat sich nach dem zweiten Tod vor lauter Verzweiflung geblendet, die Götter erwecken Eurydike daraufhin zum dritten Leben. In der Bonner Inszenierung lässt dann allerdings Eurydike ihren bis eben heißgeliebten Orpheus einfach stehen und verschwindet mit Amor im Bühnenhintergrund. Orpheus bleibt blind und blutend in der Unterwelt zurück ...
    Kein Wunder, dass er in der Antike seine Begierden daraufhin den heranwachsenden Jungen widmet.
Das eigenartige Ende muss man offensichtlich nicht mehr verstehen, und die Musik sagt darüber auch nichts. Was Herr Hilsdorf, der Regisseur vieler schöner Bonner Inszenierung und auch für diese Oper verantwortlich, der Zeitung dazu verraten hat, macht es auch nicht klarer:
    "Es geht um den mysteriösen Tod der Frau des berühmten Sängers Orpheus. Gefunden wird ihre Leiche in der Kirche Saint-Sulpice, wo die Umstände ihre Todes untersucht werden. Doch während die Polizei ihrer Arbeit nachgeht, holt Orpheus den berühmten Magnetiseur Franz Anton Mesmer herbei, der mit seinen Mitteln die Tote zurück ins Leben holen soll...."
    (Quelle: Premierenankündigung im Generalanzeiger online)
Zu der Aufführung der Oper kann man ohne alle Abstriche sagen, dass sie viel schöne Musik hat. Die Inszenierung hat mit ihrem Verzicht auf ein Happy-End einen nicht verständlichen Schluss produziert - da der Rest aber weitgehend schlüssig erzählt und gespielt wird, würde einem ein schöner und gelungener Opernabend in Erinnerung bleiben, wenn da nicht das Drama nach dem Schlussapplaus gewesen wäre.

Denn dieses Nachspiel ruiniert auch all denen, die die eigenartige "bad end"-Fassung von Hilsdorf nicht mitbekommen haben, jegliches Happy-End-feeling: nach ca. 8 Minuten Applaus greift sich die Eurydike-Darstellerin ein Mikrofon und verliest dem Gluck-seligen Premierenpublikum einen Appell zur Unterstützung der Bonner Bühnen:

Man hört von Haushaltsplänen und -entwürfen, von der "Vernichtung" der Bonner Kammerspiele, des Tanztheaters und man fragt sich unwillkürlich, was das alles mit Orpheus zu tun hat. Alles auf einmal sehr unhappy - bis man dann nach einem mehr oder weniger freundlichen Schlusswort nach Hause oder auf die Premierenfeier geschickt wird - und unterschreiben soll man natürlich auch.

Die Oper ist damit um ein mieses Nachspiel zu der ohnehin unvorhersgesehen unglücklich endenden Oper erweitert. Die Zeichen der Zeit stehen einem Happy-End offensichtlich entgegen.

Zumindest das Bier der Premierenfeier war allerdings ok - für ein Happy-End war es allerdings etwas wenig...

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